Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Monica Giezendanner, Bereichsleiterin Schulsozialarbeit.
Die Schulsozialarbeit in Gossau feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Seit ihrer Einführung berät und unterstützt sie Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Eltern bei sozialen Problemen in der Schule. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche in ihrem Selbstwert zu stärken und sie auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten. Monica Giezendanner, Bereichsleiterin Schulsozialarbeit, blickt im Interview zurück – und nach vorne.
Schulsolzialarbeit Als der Stadtrat 2004 ein Projekt zur Einführung der Schulsozialarbeit initiierte, war das Angebot in vielen Schweizer Gemeinden noch weitgehend unbekannt. Heute, zwei Jahrzehnte später, ist die Schulsozialarbeit aus dem Gossauer Schulalltag nicht mehr wegzudenken. Gesellschaftliche Veränderungen, digitale Medien und eine zunehmend komplexe Lebenswelt haben die Arbeit geprägt – und ihre Bedeutung stetig wachsen lassen.
Monica Giezendanner, vor 20 Jahren war Schulsozialarbeit in vielen Gemeinden noch kein Thema. Was war der konkrete Auslöser dafür, dass Gossau dieses Angebot damals eingeführt hat?
Da die Schule in ihrem Erziehungsauftrag immer wieder an ihre Grenzen stiess, initiierte der Stadtrat 2004 ein Projekt, um zu klären, wie an den Schulen in Gossau eine Schulsozialarbeit aufgebaut werden könnte. Das Parlament stimmte im Herbst 2006 schliesslich der Einführung der Schulsozialarbeit mit einer dreijährigen Pilotphase zu. 2010 stimmte das Parlament auch der definitiven Einführung zu.
In 20 Jahren hat sich die Gesellschaft stark verändert – Smartphones, soziale Medien, veränderte Familienstrukturen. Welche dieser Entwicklungen hat die Arbeit der Schulsozialarbeitenden in Gossau am stärksten beeinflusst?
Die Veränderungen der letzten 20 Jahre zeigen sich in der Schulsozialarbeit sowohl im Bereich der digitalen Medien als auch in gesellschaftlichen Entwicklungen. Medienkompetenz ist zu einem wichtigen Schwerpunkt der Präventionsarbeit geworden. Gemeinsam mit der Fachstelle Medienpädagogik führen wir in den Primarschulen Angebote durch, in denen altersgerecht Chancen und Risiken digitaler Medien thematisiert werden. In der Oberstufe liegt der Fokus stärker auf der Befähigung der Jugendlichen zu einem verantwortungsvollen und reflektierten Umgang mit Medien.Gleichzeitig prägen auch gesellschaftliche Veränderungen und vielfältigere Familienstrukturen unsere Arbeit. Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer zunehmend komplexen Lebenswelt auf. Diese Entwicklungen machen die Schulsozialarbeit als unterstützende und verbindende Anlaufstelle besonders wichtig.
Mit welchen Themen und Problemen kamen Schülerinnen und Schüler vor 20 Jahren zu Ihnen – und womit kommen sie heute? Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?
Viele Themen sind über die Jahre erstaunlich konstant geblieben. Schülerinnen und Schüler suchen nach wie vor Unterstützung bei Konflikten in der Klasse, im Freundeskreis oder im familiären Umfeld. Auch Fragen rund um Pubertät, Beziehungen und Sexualität, Herausforderungen im Klassenklima sowie Leistungsdruck oder Lernschwierigkeiten gehören seit jeher zu den Anliegen, mit denen Jugendliche zur Schulsozialarbeit kommen. Verändert hat sich vor allem der Kontext. Digitale Medien und soziale Netzwerke spielen heute eine grosse Rolle im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Viele vergleichen sich dort mit Peergroups, Influencerinnen und Influencern oder mit idealisierten Schönheits- und Lebensbildern. Solche Vergleiche können verunsichern und zusätzlichen Druck erzeugen. Auch Fragen rund um Identität und Gender sind für viele Jugendliche präsenter geworden.
Warum ist Schulsozialarbeit wichtig? Hat sie in den vergangenen 20 Jahren an Bedeutung gewonnen?
Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen sowie der wahrgenommene Leistungsdruck haben zugenommen. In diesem Zusammenhang begegnet uns auch das Thema Schulabsentismus vermehrt. Die Schulsozialarbeit bietet hier eine niederschwellige Anlaufstelle, um gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern sowie ihrem Umfeld nach Lösungen zu suchen.
Die Schulsozialarbeit stärkt Selbst-, Handlungs- und Sozialkompetenz. Wie merken Sie in der Praxis, dass diese Arbeit wirkt – woran messen Sie Erfolg in einem Bereich, der sich nicht einfach in Zahlen fassen lässt?
Der Erfolg der Schulsozialarbeit zeigt sich oft in kleinen, aber wichtigen Veränderungen im Alltag der Schülerinnen und Schüler – wenn beispielsweise ein Kind nach einem Gespräch wieder mehr Vertrauen fasst, Konflikte selbstständiger lösen kann oder den Mut findet, über schwierige Themen zu sprechen. Auch wenn sich das Klassenklima verbessert oder Jugendliche lernen, respektvoller miteinander umzugehen, wird sichtbar, dass unsere Arbeit Wirkung zeigt. Wenn Schülerinnen und Schüler wiederholt von sich aus den Weg zur Schulsozialarbeit finden, zeigt das, dass sie die Unterstützung als hilfreich erleben.
Die Stadt Gossau steht unter grossem finanziellem Druck. Wirkt sich der allgemeine Spardruck in der Gemeinde auch auf die Schulsozialarbeit aus? Falls ja, wie?
Wie alle Dienststellen der Stadt ist auch die Schulsozialarbeit gefordert, ihre Leistungen sparsam und kostenwirksam zu erbringen.
Wo möchte sich die Schulsozialarbeit noch weiterentwickeln? Wo besteht aktuell am meisten Handlungsbedarf?
Ein Schwerpunkt bleibt die Prävention, insbesondere in den Bereichen Medienkompetenz, psychische Gesundheit und soziales Miteinander. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche frühzeitig zu stärken, damit Situationen gar nicht erst eskalieren. In der psychischen Grundversorgung – etwa bei schulpsychologischen Diensten oder kinder- und jugendpsychiatrischen Angeboten – bestehen häufig lange Wartezeiten. In solchen Situationen bietet die Schulsozialarbeit zunehmend eine überbrückende Unterstützung, bis weiterführende Hilfe möglich ist. Das ist eine herausfordernde Aufgabe. Umso wichtiger bleibt die enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Familien und externen Fachstellen, damit Kinder und Jugendliche möglichst früh die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.
Interview von Selim Jung
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