Wie der Verkehr in Gossau zu bewältigen ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. tb
25.06.2025 15:01
Starke Gegensätze in den verkehrspolitischen Ansichten
Mitwirkungsbericht zum Gesamtverkehrskonzept zeigt, wie unterschiedlich Verkehrsmassnahmen beurteilt werden
Der Stadtrat möchte das Gesamtverkehrskonzept (GVK) als Teil des Richtplans erlassen, um die Verbindlichkeit zu erhöhen. Allerdings sind viele der im GVK vorgesehenen Massnahmen umstritten, wie der Mitwirkungsbericht zeigt.
Verkehr «Die Analyse des Kantons hat es gezeigt, es gibt keine Lösung für das Verkehrsproblem in Gossau. Damit ist alles gesagt und es werden keine nachhaltigen Lösungen möglich sein.» So lautet eine resignierte Eingabe aus der Mitwirkung. Der Urheber beantragt entsprechend, ganz auf das GVK zu verzichten. Insgesamt haben sich 36 Organisationen oder Personen zum GVK vernehmen lassen. Im anonymisierten Mitwirkungsbericht bleibt bei den meisten Stellungnahmen unklar, von welcher Organisation oder Person die einzelnen Äusserungen stammen. Klar wird dagegen, welche im GVK präsentierten Massnahmen besonders umstritten sind. Dazu gehört der Umgang mit Parkplätzen. So sieht das GVK vor, dass bei neuen Bauten und Anlagen mit 30 beziehungsweise 50 oder mehr Parkplätzen ein arealbezogenes Mobilitätskonzept erarbeitet werden muss. So soll der effektive Stellplatzbedarf ermittelt werden. Weiter soll es aufzuzeigen, wie die Mobilität des Areals bestmöglich organisiert werden kann. In der Mitwirkung gingen mehrere Äusserungen gegen eine solche Konzeptpflicht beziehungsweise für eine Erhöhung der Anzahl Parkplätze als Voraussetzung ein. Diesem Anliegen kam der Stadtrat mit der Erhöhung auf 50 Parkplätze für die Pflicht eines Mobilitätskonzepts teilweise nach.
Tempo 30, Parkplatzmanagement
Starke Gegensätze in den verkehrspolitischen Ansichten zeigen sich im Teilkonzept MIV. Bei den Projektzielen gingen zwei Anträge ein, die angestrebte Plafonierung des Motorisierten Individualverkehr (MIV) durch eine leichte Erhöhung des MIV zu ersetzen. Der Stadtrat lehnt eine Erhöhung ab, da sie «zu noch mehr Verkehrsüberlastung im Stadtzentrum» führen würde. Verschiedene Antragssteller fordern flächendeckend Tempo 30, um den Verkehrsfluss und die Sicherheit zu erhöhen. Auf der anderen Seite wird ebenso explizit gefordert, auf Tempo 30 zu verzichten und alle Verkehrshindernisse zu beseitigen. Genau die gleiche Situation zeigt sich beim Parkplatzmanagement. Einerseits wird der Stadtrat aufgefordert, alle Parkplätze auf öffentlichem Grund ab der 1. Minute zu bewirtschaften, um eine Lenkungswirkung zu erzielen, andererseits dazu, genau dies zum Schutz der Gewerbebetriebe nicht zu tun. Der Stadtrat weist darauf hin, dass sich verschiedene öffentliche Parkierungsanlagen auf privatem Grund befinden. Eine Bewirtschaftungspflicht möchte er erst bei grösseren Anlagen ab 50 Plätzen einfordern.
Umstrittene Pförtneranlagen
Weiter wird in der Vernehmlassung die Forderung erhoben, Parkplätze im Zentrum zu reduzieren; genauso aber auch die Forderung, keine Parkplätze abzubauen. Der Stadtrat stellt fest, dass im GVK keine Reduktion der öffentlichen Parkplätze im Stadtzentrum angestrebt wird, da solche für das Gewerbe und mobilitätseingeschränkte Personen wichtig sind. Umstritten ist die Einführung sogenannter Pförtneranlagen, die dank Dosierung durch Lichtsignalanlagen beim Stadteingang Stau im Stadtzentrum verhindern sollen. Es wird moniert, das Problem werde nur verlagert und teilweise sogar verschlimmert, wenn sich die Autos beispielsweise bereits im Industriequartier stauten. Teilweise wird auch die Lenkungswirkung angezweifelt.
Umstrittene Velorouten
Ebenfalls umstritten ist die Ausgestaltung der verschiedenen Velorouten. So sind in der Mitwirkung zahlreiche Anträge eingegangen, welche einzelne Strassen ins Velonetz aufnehmen beziehungsweise aus diesem streichen wollen. So wird unter anderem angemerkt, dass die Bachstrasse von Velofahrenden stark frequentiert wird, nun aber nicht als Veloroute vorgesehen ist. Der Stadtrat erklärt, dass die Bachstrasse als West-Ost Fussverkehrs-Hauptverbindung definiert ist, was eine Priorisierung des Fussverkehrs bedeute. Deshalb werde die Strasse nicht nach Velorouten-Standards ausgebaut, aber das Velofahren bleibe weiterhin gestattet. Mehrfach wird von Mitwirkenden auf die Bedeutung einer Entflechtung von Güter- und Veloverkehr hingewiesen. Deshalb dürfe beispielsweise die Mooswiesstrasse nicht Teil der Veloroute sein. Solche Hinweise erfolgten auch bezüglich der Industriestrasse. Der Stadtrat stellt fest, dass eine Entflechtung angestrebt wird, aber eine konsequente Trennung von Güter- und Veloverkehr aufgrund der Platzverhältnisse nicht überall möglich ist.
Kritik an fehlender ÖV-Erschliessung
Im Teilkonzept öffentlicher Verkehr wird die Einführung des Viertelstundentaktes befürwortet. Kritisiert wird verschiedentlich die schlechte Erschliessung des Westens von Gossau durch den ÖV. Auch die fehlende Erschliessung des Rosenau-Quartiers oder die schlechte Anbindung der Arbeitsplätze im Mooswiesquartier werden angeführt. Bei allen Anträgen für eine zusätzliche ÖV-Erschliessung verweist der Stadtrat darauf, dass das Parlament das Buskonzept 2026 zurückgewiesen hat und somit nur die Linie 150 als dreijähriger Versuchsbetrieb umgesetzt werden kann.
Braucht es Quartierdrehscheiben?
Zahlreiche Beiträge gingen zu den sogenannten Quartierdrehscheiben ein, an denen verschiedene Mobilitätsangebote für eine geteilte Nutzung zur Verfügung stehen sollen – so zum Beispiel Gemeinschaftsautos, E-Scooter und E-Bikes. Die Stossrichtung der Rückmeldungen ist eindeutig. Im GVK-Entwurf sind zu viele Quartierdrehscheiben eingeplant. Ihr Nutzen in einer Stadt wie Gossau wird verschiedentlich verzweifelt. Der Stadtrat hat darauf reagiert und entschieden, dass Quartierdrehscheiben nicht proaktiv flächendeckend umgesetzt werden sollen, sondern insbesondere zusammen mit grossen Arealentwicklungen beziehungsweise bei konkreten Bedürfnissen aus einem Quartier.
Westspange und Grosskreisel
Bei den langfristigen Netzergänzungen werden beispielsweise der Zubringer Appenzellerland, eine Autobahnausfahrt Industrie Ost, die Westspange oder gar die Verlegung der Hauptachsen gefordert. Auch Grosskreisel an verschiedenen Orten werden ins Spiel gebracht. Der Stadtrat verweist bei diesen Anträgen darauf, dass das Gesamtverkehrskonzept auf die nächsten 15 Jahre ausgelegt ist. Die Realisierungshorizonte grosser Infrastrukturprojekte lägen ausserhalb dieses Zeithorizonts.
Intensive Debatten stehen bevor
Weiter wird die Stadt aufgefordert, auf die Schaffung einer Fachstelle Mobilität zu verzichten. Eine solche sei nicht notwendig, da entsprechende Angebote bereits bestünden. Zudem verursache sie zusätzliche Kosten in der Stadtverwaltung. Der Stadtrat erwidert, ohne zusätzliche Ressourcen könnten die GVK-Massnahmen nicht vorangetrieben werden. Die Anträge, Wünsche und Vorbehalte rund um das Gesamtverkehrskonzept zeigen, dass in Gossau weiterhin intensive Debatten um die richtigen Verkehrslösungen bevorstehen.
Von Tobias Baumann