Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Die Schülerinnen der Maitlisek Gossau arbeiten individuell und adaptiv an ihren Kompetenzen.
Das Volksschulgesetz des Kantons St.Gallen ist über 40 Jahre alt und wurden einer Totalrevision unterzogen. Neu soll im Volksschulgesetz auch die Flexibilisierung der Schulmodelle verstärkt werden. Während der Gesetzesentwurf nun in die öffentliche Vernehmlassung geht, lohnt sich ein Blick nach Gossau. Dort wird vieles, was das neue Gesetz ermöglichen soll, bereits gelebt.
Bildung In Gossau denken Schulen den Unterricht heute schon grundlegend neu: die Oberstufen Buechenwald und Rosenau, die Maitlisek und das Gymnasium Friedberg. Ihre Modelle unterscheiden sich in den Ansätzen, teilen aber einen gemeinsamen Nenner: mehr Individualität, mehr Eigenverantwortung, mehr Begleitung. Stefan Rindlisbacher, Gossauer Stadtrat und Schulpräsident, betont dabei, dass dies keinem Selbstzweck dient: «Die Weiterentwicklung der Schule gehört zu unserem Auftrag, und diesen nehmen wir proaktiv und innovativ wahr – stets mit Blick auf die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen.»
Seit dem Schuljahr 2022/23 setzen die Oberstufenzentren Buechenwald und Rosenau auf ein Modell, das in der Schweizer Schullandschaft Aufsehen erregt hat. Kernelemente sind flexible Randzeiten, offenere Lernformate und persönliche Einzelgespräche. Der Schulstart erfolgt erst um 8.30 Uhr – eine Entscheidung, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Schlafrhythmus von Jugendlichen beruht. Schulleiter Thomas Eberle erklärt die Grundidee: «Mit den flexiblen Randzeiten können Jugendliche selbst für sich entscheiden, wie oft und viel Zeit sie zusätzlich zum regulären Unterricht noch in der Schule verbringen wollen. Dies fördert das Nachdenken über sich selbst, über eigene Präferenzen und über die Frage, wann und wo ich gut lernen kann.» Dabei werden die Schülerinnen und Schüler nicht allein gelassen: «Wer darin noch weniger geübt ist, wird an unserer Schule in genau diesen Fragen begleitet und unterstützt», so Eberle. In den offenen Lernformaten wird die Betreuung durch Lehrpersonen nicht reduziert, sondern sogar leicht erhöht. «Damit stellen wir sicher, dass Jugendliche mit hohem Betreuungsbedarf diese Unterstützung auch erhalten und sehr eigenständige Jugendliche auf der anderen Seite diesen Freiraum auch gut und produktiv nutzen», erklärt Eberle. Ergänzt wird das Modell durch vier Einzelgespräche pro Schuljahr, die Lernteamleitende ausserhalb der regulären Schulzeiten mit jedem Kind führen. Dabei werden das Verhalten an den flexiblen Randzeiten, das Lernen in den offeneren Formaten und der Übergang in die Berufswelt thematisiert. «Die Jugendlichen schätzen es sehr, dass sich die Schule Zeit nimmt für sie», sagt Eberle. Die Ergebnisse sind messbar: Eine Forschungsbegleitung durch das Kinderspital der Universität Zürich zeigt, dass sich die Jugendlichen wohler fühlen und in Leistungstests in den Fächern Mathematik und Englisch sogar bessere Ergebnisse erzielen. Eine weitere externe Evaluation brachte auch viel Zustimmung von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrpersonen. Kein Wunder also, dass nach einem Beitrag im Schweizer Fernsehen SRF zahlreiche Schulen und Bildungsgremien auf die Oberstufenzentren Buechenwald und Rosenau zugekommen sind, um das Modell kennenzulernen. Trotzdem warnt Eberle vor blindem Kopieren: «Schulentwicklungsprozesse oder Schulmodelle lassen sich nicht einfach kopieren oder auf andere Schulen übertragen. Es gilt immer, lokale Begebenheiten, Veränderungswillen und diverse andere Komponenten zu berücksichtigen.» Seine grundsätzliche Überzeugung formuliert er klar: «Die Gesellschaft wandelt sich, Arbeits- und Lernformen entwickeln sich – da dürfen Schulen nicht stehen bleiben. Schulen, die meinen, sie können mit allen Jugendlichen zum gleichen Zeitpunkt die gleichen Lernziele erreichen, liegen falsch. Es braucht Modelle und Formate, wo dieser Individualität Platz gegeben wird.»
Einen anderen, aber verwandten Weg geht die Maitlisek Gossau. Als private Trägerschaft mit Leistungsvereinbarung mit der Stadt Gossau und der Schulgemeinde Andwil-Arnegg ist sie eine Regelschule – und dennoch alles andere als gewöhnlich. Ihr Modell vereint zwei Elemente: die typengemischte Oberstufe und das kompetenzorientierte Lernen. Eine typengemischte Oberstufe bedeutet, dass unterschiedliche Leistungsniveaus – Real-, Sek- und gymnasiale Ansprüche – nicht mehr in getrennten Klassen unterrichtet werden, sondern in gemeinsamen Lernsettings. Die Schülerinnen arbeiten individuell und adaptiv an ihren Kompetenzen in Lernateliers, im Impulsunterricht oder in offenen Lernumgebungen. Differenzierung erfolgt über Lernaufträge, Coaching und individuelle Lernwege. Schulleiter Michel Grunder sieht darin einen doppelten Gewinn: «Das Modell ermöglicht den Schülerinnen individuelle Lernwege, stärkt Selbstwirksamkeit und fördert soziale Kompetenzen wie Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung. Unterschiedliche Leistungsniveaus werden als Ressource genutzt.» Für Lehrpersonen verschiebt sich die Rolle hin zu Coaching und Lernbegleitung, was laut Grunder langfristig entlastend wirken kann. Kompetenzorientiertes Lernen bedeutet an der Maitlisek, dass nicht primär Wissen im Zentrum steht, sondern die Fähigkeit, dieses anzuwenden. «Es geht um Können, Verstehen, Reflektieren und Transfer», erklärt Grunder. Konkret arbeiten die Schülerinnen an individuellen Lernzielen, werden durch Coachinggespräche begleitet und erhalten regelmässige Rückmeldungen über einen digitalen Lernplatz, in dem Lernprozesse dokumentiert und formative sowie summative Feedbacks gegeben werden. Die bisherigen Erfahrungen sind laut Grunder überwiegend positiv: Die Schülerinnen entwickeln mehr Eigenverantwortung und gewinnen an Sicherheit im Umgang mit ihrem eigenen Lernen. Gleichzeitig zeige sich, dass eine sorgfältige Begleitung zentral ist, «insbesondere für jene, die mehr Struktur und Orientierung benötigen». Den Begriff «Vorreiter» lehnt Grunder für seine Schule bewusst ab: «Wir sehen uns selbst nicht in einer Vorreiterrolle und bezeichnen uns auch nicht so. Gleichzeitig zeigt sich im Vergleich mit anderen Schulen, dass wir zentrale Elemente einer zukunftsorientierten Schule bereits umgesetzt haben.» Auf die Frage, warum neue Unterrichtsformen heute notwendig seien, verweist Grunder auf gesellschaftliche Trends: «Die Welt hat sich in den letzten Jahren stark verändert, insbesondere durch Digitalisierung, KI und gesellschaftliche Dynamiken. Wissen ist jederzeit verfügbar, entscheidend sind deshalb Kompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation und Kollaboration.» Schulen müssten darauf reagieren – mit mehr Selbstorganisation, mehr Sinnorientierung und mehr Begleitung statt reiner Wissensvermittlung.
Auf Gymnasialstufe geht das Gymnasium Friedberg in Gossau seinen eigenen Weg. Das Herzstück des Modells ist das sogenannte FLEX-System, das flexibles Lernen mit individuellem Coaching verbindet. Die Lektionen zwei bis fünf – die letzten drei Vormittags- und die erste Nachmittagslektion – finden im Klassenverband statt. Die erste Vormittags- und die letzten drei Nachmittagslektionen hingegen sind dem FLEX-System zugeordnet. In diesen Zeitfenstern wählen die Schülerinnen und Schüler nach ihren Bedürfnissen, welche Fachlektionen sie besuchen. Bereits zu Schulbeginn wird gemeinsam mit einem Coach ein individueller Stundenplan erarbeitet, der schulische Anforderungen und private Verpflichtungen in Einklang bringt. «Es ist wichtig zu betonen: Die Jugendlichen sind nicht einfach ‹frei›, sie bewegen sich in einem klaren, von uns vorgegebenen Rahmen, der ihnen jedoch erheblichen Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum lässt», erklärt Koller. Der Coach kann jederzeit steuernd eingreifen, falls Lernziele gefährdet sind. Das Coaching beschreibt Koller als das eigentliche Herzstück der Begleitung am Friedberg: «Es geht darum, Stärken zu stärken und Schwächen abzufedern.» Die Inhalte sind auf die jeweilige Klassenstufe abgestimmt. Zu Beginn steht das Handling des FLEX-Systems im Vordergrund, später kommen Themen wie Arbeitseinteilung, Planung und Persönlichkeitsförderung dazu, gegen Ende der Gymnasialzeit auch die Studienwahl und die berufliche Zukunft. Das Coaching umfasst auch den regelmässigen Kontakt mit den Eltern. «Aufgrund der engen Betreuung ist es bei uns fast nicht möglich, dass Lernende durch die Maschenfallen», so Koller. Die Vorteile seien für alle Beteiligten spürbar: «In diesem Sinne ist es eine Win-Win-Win-Win-Situation: Ein Gewinn für die Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern, die Lehrperson und somit letztlich auch für uns als Gymnasium Friedberg.» Das FLEX-System habe sich auch als besonders attraktiv für Sporttalente erwiesen, und die Schule hat darauf aufbauend ein eigenes Konzept für diese Zielgruppe entwickelt. Ehemalige Schülerinnen und Schüler berichten laut Koller, dass sie im Studium kaum Probleme mit den organisatorischen Herausforderungen haben – eine direkte Folge des FLEX-Trainings. Eltern beobachteten zudem grosse Fortschritte in Sachen Selbstorganisation und Selbstdisziplin. Auch das Gymnasium Friedberg hat die Herausforderungen durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bereits aufgegriffen und möchte KI ganzheitlich und curricular in das Lernen integrieren. «Unsere Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur KI-Angebote wie Chat GPT oder Gemini kennen, sondern ein verantwortungsbewusstes Handling entwickeln, das gleichermassen auf Anwenderwissen und kritischer Hinterfragung gleichermassen fusst», so Koller. Sein Grundverständnis bringt er auf den Punkt: «Schulen müssen mit dem Leben Schritt halten, genau das tun wir am Friedberg.»
Was die drei Schulen verbindet, ist mehr als geografische Nähe. Stadtrat Stefan Rindlisbacher sieht einen gemeinsamen Grundgedanken, der sich durch die gesamte Gossauer Bildungslandschaft zieht: «Ich bin beeindruckt, wie alle Schulen in Gossau ihre Modelle flexibilisieren, die überfachlichen Kompetenzen fördern und die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler stärken. Dieser Ansatz zieht sich wie ein roter Faden durch die Bildungslandschaft in Gossau.» Eine Vorreiterrolle beansprucht die Stadt für sich dabei nicht. Rindlisbacher betont, dass Schulentwicklung von unten getragen sein müsse: «Schulmodelle werden stark von den Lehrpersonen und den Schulleitungen getragen. Es ist deshalb entscheidend, dass sie das Modell entwickelt und so eine grosse Identifikation geschaffen haben. Solche Prozesse sind zeitintensiv und anspruchsvoll in der Planung – zahlen sich aber langfristig aus.» Dass die Bevölkerung diesen Weg mitträgt, ist für Rindlisbacher keine Selbstverständlichkeit: «Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir grosses Vertrauen in der Bevölkerung geniessen. Dafür bin ich dankbar.» Mit der bevorstehenden Totalrevision des Volksschulgesetzes dürfte das, was in Gossau bereits Realität ist, bald auch andernorts möglich werden. Der Kanton schaut dabei genau hin – und die Gossauer Schulen stehen bereit, um ihre Erfahrungen zu teilen.
Selim Jung
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