Cup-Ikone Kurt Grünig tritt mit einer Bierdusche ab
57 Jahre nach seinem Triumph von 1969 erlebt Kurt Grünig im Wankdorf die emotionale Wachablösung: Der 82-jährige Cupheld war beim Sieg dabei.
57 Jahre nach seinem Triumph von 1969 erlebt Kurt Grünig im Wankdorf die emotionale Wachablösung: Der 82-jährige Cupheld war beim Sieg dabei.
FC St.Gallen «Ich bin froh, dass es vorbei ist», sagt St. Gallens Cup-Ikone Kurt Grünig (82) im Wankdorf um 16.03 Uhr. Erstmals seit Grünig 1969, stemmt wieder ein St. Galler die Cup-Trophäe. Die «St. Galler Nachrichten» begleiteten Grünig am denkwürdigen Tag.
Im Stau auf dem Weg nach Bern legt sich Grünig kurz nach halb elf Uhr auf der A1 fest: «Dieses Spiel gegen den Unterklassigen Stade Lausanne-Ouchy darf St. Gallen nicht verlieren. Der Match muss schon in der ersten Hälfte entschieden werden. Ich tippe auf ein 3 : 0.» Ein Volltreffer, wie sich gut fünf Stunden später zeigt.
Der FCSG hat für den Final 20 000 grüne Trikots drucken lassen – die Rückseite ziert das Konterfei von Grünig, das ihn beim Hochstemmen der Sandoz-Trophäe zeigt. Preis: 19 Franken. An einem Stand an der Morgartenstrasse hinter dem Wankdorf-Stadion können Fans die kultigen T-Shirts vom Helden von 1969 unterschreiben lassen – sie stehen Schlange. «Der ist über 80 und macht das noch», staunt einer. Ein 76-jähriger Senior sagt zu Grünig: «Ich habe dich noch spielen sehen – im Espenmoos. Auch den Final habe ich live erlebt.» Auch Jean-Paul Biaggi (80), vor 57 Jahren Goalie des FCSG, schaut vorbei.
Ein jüngerer Fan legt Grünig eine vergilbte Original-Ausgabe der Fachzeitung «Sport» von Ende Mai 1969 hin. «Die habe ich bei ricardo für 100 Franken ersteigert – ein Schnäppchen.» Grünig unterschreibt auch die 57-jährige Zeitung. Nach über einer Stunde legt Grünig den Filzstift zur Seite. Der Match ruft.
Bei der langen Schlange vor dem Stadion-Sektor A West reiht sich Grünig gleich vorne ein – niemand mit den grünen Leibchen und seinem Konterfei hinten drauf ist ihm böse. Der reservierte Platz ist schnell gefunden. Reihe 10, Sitz 700, auf der Höhe der Corner-Fahne. VIP-Plätze sehen anders aus. Auch Mutter Oberin Rut-Maria Buschor vom Frauenkloster Sarnen, die seit Kindsbeinen FCSG-Fan ist («St. Galler Nachrichten» vom 20. Mai) sitzt mit grün-weissem Schal in Reihe 10. Auch Biaggi, der ehemalige Torwart. Und Tranquillo Barnetta (66), Vater des gleichnamigen St. Galler Nati-Spielers, schüttelt Grünig die Hand.
13:56 Uhr. Die 22 Spieler stehen beim Mittelkreis. Die Nationalhymne ertönt. 30 761 Fans sind Augenzeugen, die meisten in grünen Shirts mit Grünig und Pokal auf dem Rücken. 14 Uhr. Ankick. Der FCSG legt wie gewohnt los wie die Feuerwehr. Auf einem Banner hinter einem Tor steht: «Mache eu unsterblich». Schon nach 7 Minuten und 20 Sekunden steht Grün-Weiss wie ein Mann. Grünig klatscht. Tom Gaal hat zum 1 : 0 für den FCSG getroffen. Grünig bilanziert: «Du siehst den Unterschied, vom Tempo her. Sie sind parat.» Kurz darauf: Alliou Balde vergibt nach einem haarsträubenden Fehler der Verteidigung von SLO das sichere 2 : 0. Grünig, beim 2 : 0-Finalsieg 1969 gegen Bellinzona zweifacher Assistgeber: «Die muss er auch machen.»
44. Minute: St. Gallens Cup-Goalie Lukas Watkowiak, eigentlich die Nummer 2, leistet sich einen unglaublichen Aussetzer, muss darauf die Notbremse ziehen. Und fliegt vom Feld. Ati Zigi, der Stammgoalie, kommt rein. Auch zur Freude von Äbtissin Rut-Maria in Reihe 10. Eine Minute zuvor hat Biaggi gesagt: «Dass die Nummer 2 im Final im Tor steht, hätte es zu unserer Zeit nie gegeben. Unglaublich!» Grünig bleibt optimistisch: «Gegen die kannst du nicht verlieren – auch zu zehnt nicht.»
Halbzeit zwei, der FCSG weiter am Drücker. Balde fällt im gegnerischen Strafraum gegen zwei Lausanner. Der VAR schaltet sich ein. Es vergeht eine Ewigkeit, bis Schiedsrichter Luca Cibelli vom VAR zum TV-Bildschirm gebeten wird. Grünig: «Jetzt gibt’s Penalty.» Wie wahr. Cibelli zeigt auf den Punkt. Lukas Görtler, der St. Galler Captain, verwandelt sicher. 2 : 0.
In der 79. Minute singen die grün-weissen Fans «Espenmoos». Wieimmer, aus Anlass des Gründungsjahrs 1879 des ältesten Fussball-Klubs auf dem europäischen Kontinent. Biaggi sagt zu seinem ehemaligen Team-Kollegen: «Hörst du? Espenmoos!»
In der Nachspielzeit wird St. Gallens Christian Witzig eingewechselt. Keine 10 Sekunden auf dem Feld, schiesst er das 3 : 0. Grünig: «Ichhabs gesagt: 3 : 0.» Für Grünig gibts zum zweiten Mal an diesem Nachmittag eine Bierdusche. Auch der ehemalige Wirt, der im Züricher Kreis 3 über 34 Jahre die legendäre Bar «Hockstübli» betrieb, rümpft die Nase. «Wollen wir gehen?», fragt der Cup-Held von 1969 noch vor der Pokalübergabe, «ich bin froh, ist es jetzt vorbei und bin ich nach 57 Jahren abgelöst worden.»
Max Kern
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