Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Das Titelbild des neuesten Buches von Stefan Millius.
Von Franz Welte
Gewalttaten Es handelt sich vor allem um Mordfälle, die aus heutiger Sicht nachgezeichnet werden, wobei jeweils die einmaligen Besonderheiten hervorgehoben werden. Gemeinsam ist ihnen, dass die Täter zunächst meist selbst Opfer waren. Das entschuldigt nach Millius ihre Entscheidungen nicht. Trotzdem macht es für ihn wenig Sinn, die Augen vor dieser Tatsache zu verschliessen.
Wie Millius in seinem Vorwort weiter feststellt, sind grosse Gewaltverbrechen historische Ereignisse. Sie zu vergessen oder gar zu verdrängen, mache sie nicht ungeschehen. Im Gegenteil könne die Auseinandersetzung mit solchen Taten zu ihrer Verhinderung beitragen. Einige dargestellte Fälle, bei denen die Täter nicht ermittelt werden konnten, sind verjährt oder stehen kurz vor der Verjährung. Dazu vermerkt Millius, dass bei den lange zurückliegenden Fällen die Hoffnung auf «König Zufall» ruhe – etwa dann, wenn die Aufklärung eines weiteren Verbrechens auf die Spur des Täters führt. Eine Bestrafung ist dann nicht mehr möglich, aber es könnte Klarheit für die Angehörigen geschaffen werden.
Der Autor beschränkt sich bei der Nacherzählung meist auf bekannte Fakten – mit Ausnahme des ungeklärten Tötungsfalls der beiden Goldacher Mädchen Brigitte Meier und Karin Gattiker («Kristallhöhlenmord») von 1982, bei dem nach Auffassung von Millius Spekulationen näher zur Wahrheit führen können. Für ihn spricht vieles für die Unfallthese, wobei dennoch viele Fragen offen bleiben: Wurden die Mädchen von einem Fahrzeug tödlich erfasst oder nur schwer verletzt und danach getötet? War es also ein Unfall mit einem anschliessenden Tötungsdelikt – und damit doch ein Doppelmord? Millius befasst sich auch mit dem Verschwinden von Heidi Scheuerle im Jahr 1996, die in Kreuzlingen wohnte. Ihre sterblichen Überreste wurden 2000 in der Nähe von Spreitenbach gefunden. Später tauchte dort auch noch ein Schlüssel auf, der ihr gehört hatte. 2016 nahm die Kriminalpolizei die Ermittlungen neu auf – leider ohne Resultat. Der Täter könnte inzwischen allerdings wegen der Verjährung nicht mehr bestraft werden.
Ein weiterer dargestellter Fall, bei dem die Täterschaft nicht ermittelt werden konnte, ist der Doppelmord von 1993 in einem Arboner Ferienhaus, begangen an Martha Heunisch (56) und ihrer Tochter Yvonne Heunisch (21). Für Millius ist hier vieles rätselhaft geblieben. Man sei bei der Polizei frustriert gewesen über das eiserne Schweigen des Beziehungsumfelds der Opfer. Die Familie habe offensichtlich nicht gewollt, dass die Wahrheit ans Licht komme.
Millius geht auch auf den Fall von 1996 ein, als eine Paketbombe in Buchs ein 13-jähriges Mädchen tötete, wobei die tödliche Lieferung eigentlich der Mutter galt. Die Täter wurden nach der Verbüssung der ordentlichen Strafe freigelassen. Sie wurden offenbar als für die Öffentlichkeit nicht mehr gefährlich eingestuft – nach Millius hoffentlich zu Recht. Die zu kritisierende Ermittlungstätigkeit der Polizei steht im Vordergrund der Schilderung des Mordfalls der zehnjährigen Claudia Schwarz, die 1981 zunächst auf dem Weg vom Spielplatz nach Hause in St.Gallen spurlos verschwunden war. Erst drei Wochen später wurde ihre Leiche im Wald aufgefunden. Das Bundesgericht hob die Verurteilung des von der Polizei beschuldigten Täters später auf, weil keine handfesten Beweise gegen den jungen Mann vorlagen. Das löste Spekulationen über die tatsächliche Täterschaft aus, was für Millius zu denken gibt, da in solchen Fällen oft auch Unschuldige verdächtigt werden.
Ein weiterer geschilderter Fall aus der Ostschweiz bezieht sich auf eine vor zehn Jahren in einem Regionalzug zwischen Buchs und Salez verübte Gewalttat. Ein 27-jähriger Mann, bewaffnet mit einem Messer und einer brennbaren Flüssigkeit, begann unvermittelt, die Passagiere anzugreifen. Im Zug brach ein Feuer aus, und der Täter attackierte wahllos Menschen mit dem Messer. Eine 17-jährige und eine 34-jährige Frau erlagen ihren Verletzungen. Der Täter selbst erlitt ebenfalls schwere Brandverletzungen und starb später im Krankenhaus. Nach Millius bleibt der Fall ein Symbol für die Verletzlichkeit, die selbst in einem so sicheren Land wie der Schweiz besteht – sogar in einem Zug. Betroffen macht bei der Lektüre, dass gerade bei den Fällen in der Ostschweiz so viele Fragen offengeblieben sind – nicht nur bezüglich der nicht ermittelten Täterschaft, sondern auch hinsichtlich der Qualität der Ermittlungsarbeit der Behörden und des Schweigens von Personen, die vielleicht Licht ins Dunkel hätten bringen können.
Lade Fotos..