Handyverbot kann Scheinsicherheit bringen
Einem pauschalen Handyverbot, insbesondere in Volksschulen, stehen alle drei Hochschulen in St. Gallen skeptisch gegenüber.
Für Medienpädagoge Mirco Mamnetsch von der Fachhochschule OST sind Verbotsregulierungen, wie beispielsweise das Handyverbot, der falsche Ansatz. Bild: pd
Einem pauschalen Handyverbot, insbesondere in Volksschulen, stehen alle drei Hochschulen in St. Gallen skeptisch gegenüber.
Social Media Experten der Universität (HSG) betonen, dass pauschale Altersgrenzen zu kurz greifen. Das Kernproblem liege nicht nur am Alter der Nutzerinnen und Nutzer von Social Media. Für Professorin Miriam Buiten ist eine strengere Regulierung der Plattformbetreiber wichtiger: «Die entscheidenden Elemente für Schweizer Nutzerinnen und Nutzer sind mehr Transparenz und Kontrolle.» Der sogenannte Digital Service Act (DSA) der EU-Staaten ist für Miriam Buiten ein richtiger Schritt in die richtige Richtung, doch geht er ihr zu wenig weit. «Ein grosser Nachteil des Gesetzes ist, dass es die Haftung der Plattformen nicht berücksichtigt», betont sie.
Für Medienpädagoge Mirco Mamnetsch von der Fachhochschule OST sind Verbotsregulierungen der falsche Ansatz. Vielmehr plädiert der ehemalige Fernseh-Journalist dafür, dass insbesondere Eltern sich mehr für das interessieren, was Kinder online erleben. Der regelmässige Austausch auf Augenhöhe schaffe eine vertrauensvolle Basis und fördere echte Medienkompetenz und biete damit einen wirksamen Schutz. So stünden die Chancen gut, dass das Kind ein gesundes Misstrauen entwickle und sich bei Schwierigkeiten seinen Bezugspersonen anvertraue. Verbote hingegen böten meist nur eine Scheinsicherheit. «Kinder umgehen technische Sperren oft mühelos, wodurch Eltern jegliche Kontrolle und den Dialog verlieren», erklärt er. «Echter Schutz entsteht nicht durch Riegel, sondern durch Begleitung.»
An der Pädagogischen Hochschule (PHSG) wurde in einer Veranstaltungsreihe intensiv über Handy-Verbote diskutiert. Dabei befürwortete niemand ein kantonales Verbot von Smartphones an Schulen. Stattdessen forderten Experten verbindliche Regeln und pädagogische Konzepte. Es wurde auch befürchtet, dass ein Verbot die Chance vereitelt, digitale Kompetenzen im geschützten schulischen Umfeld zu entwickeln. Josef Buchner vom OST-Institut für Digitale und Informatische Bildung weist darauf hin, dass die Handynutzung im richtigen Umfang mitunter sogar positive Effekte auf die psychische Gesundheit oder das Lernen habe. Damit stehen die Hochschulen im Gegensatz zur Schweizer Bevölkerung. Diese soll ein generelles Verbot von Social Media für unter 16-Jährige und ein Handy-Verbot an Schulen unterstützen, wie aus einer Studie mit Befragung des Forschungsinstituts Sotomo hervorgeht. Handy-Verbote kennen heute die Kantone Nidwalden, Aargau, Genf, Waadt und Wallis. Die Verbote sollen die Konzentration im Unterricht erhöhen, Cybermobbing reduzieren und das soziale Wohlbefinden fördern.
Die Primarschulen in der Stadt St. Gallen sind befugt, ein Handy-Verbot zu erlassen. In verschiedenen Schularealen ist denn auch das Handy auszuschalten, zumindest während des Unterrichts. Bei Verstössen werden die Geräte häufig bis zum Schulschluss eingezogen. Der Unterricht erfolgt jedoch nicht unter Ausschluss der IT. Dieser Bereich wird einbezogen unter Beachtung des Pädagogischen Medienkonzepts. Nach Dienststellenleiter Schule und Musik Martin Annen erweist sich die Stadt-St. Galler Lösung als optimal: «Aufgrund der 1 : 1-Ausstattung mit Laptops auf der Sekundarstufe I gibt es kaum mehr schulischen Nutzungsbedarf für ein privates Smartphone. Ausnahmen gibt es, wie zum Beispiel im Bewerbungsverfahren für eine Schnupperlehre respektive eine Lehrstelle. Insofern bleibt das Handy lautlos versorgt. Das Handy kann mitgenommen werden, in der Schule geht es jedoch gut ohne.» An der Kantonsschule Burggraben ist die Nutzung über Mittag gestattet, während die Mensa handyfrei bleibt.
Mit der anstehenden Revision des St. Galler Volksschulgesetzes wird der Ruf nach verbindlichen Regeln lauter. Während die SP teilweise Verbote in Erwägung zieht, fordern die meisten anderen Parteien eher klare Richtlinien. Die Regierung legt in ihrem Entwurf den Fokus darauf, Kinder und Jugendliche im Umgang mit Social Media und digitalen Medien zu begleiten, anstatt die Geräte aus dem Schulalltag zu verbannen.
Von Franz Welte
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