Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Verein KleinTierRettung wir zehn Jahre alt.
Der Verein KleinTierRettung feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. In einem Jahrzehnt ehrenamtlicher Arbeit wurden Hunderte Einsätze gefahren, Tausende Notrufe entgegengenommen und geschätzte 50'000 bis 90'000 Stunden Freiwilligenarbeit geleistet. Doch der Verein stösst an seine Grenzen – und sucht dringend neue Helferinnen und Helfer aus der ganzen Ostschweiz.
Tierschutz Was als regionales Angebot begann, hat sich längst über die ursprünglichen Grenzen hinaus ausgedehnt. Heute ist die KleinTierRettung im ganzen Kanton St.Gallen und teilweise sogar im Thurgau tätig. Die Einsatzzahlen sind in den zehn Jahren stetig gestiegen. Nur 2025 gab es einen leichten Rückgang – eine direkte Folge des ungewöhnlich nassen Julis, der die Menschen weniger nach draussen trieb und damit die Berührungspunkte mit Tieren in der Natur reduzierte. Grundsätzlich gilt: Aus einem einzigen Anruf in der Notfallzentrale entstehen jeweils mindestens vier weitere Telefonate – bei aufwändigen, mehrtägigen Einsätzen deutlich mehr. Die Einsatzzentrale und mindestens ein Pikettfahrer sind täglich von 8 bis 20 Uhr erreichbar. Hochgerechnet kommt man so auf geschätzte 50'000 Stunden reine Einsatzzeit – unter Berücksichtigung der ständigen Pikettbereitschaft sogar auf bis zu 90'000 Stunden in zehn Jahren.
«Tierrettung ist kein gewöhnliches Ehrenamt», sagt Vereinspräsidentin Karin Bosshard. Sie betont, dass viele den tatsächlichen Aufwand unterschätzten. Es gehe nicht darum, Welpen zu transportieren oder im Tierheim zu spielen. Vielmehr stünden ausgesetzte, vernachlässigte, verletzte und auch tote Tiere im Mittelpunkt der Arbeit. Neben dem Willen zur Hilfe brauche es deshalb zwingend das notwendige Rüstzeug – professionelle Ausbildung und geeignetes Material. Auf Bundesebene ist der Bereich Tiertransport gesetzlich geregelt: Für gewerbliche Tierrettungen ist die Ausbildung FBA Tiertransport vorgeschrieben. Diese fachspezifische berufsunabhängige Ausbildung bildet die gesetzliche Grundlage dafür, dass Tiere gesichert, geborgen, erstversorgt und zu Tierärzten, Tierheimen oder Pflegestellen transportiert werden dürfen. Freiwillige müssen deshalb sowohl ein vereinsinternes als auch ein externes mehrtägiges Ausbildungsprogramm absolvieren. Neben fachlichen Kenntnissen sind Flexibilität, die Bereitschaft Neues zu lernen sowie eine echte Affinität zu Tieren wichtige Voraussetzungen. Die Einsätze sind je nach Verfügbarkeit monatlich planbar, das notwendige Material wird durch den Verein zur Verfügung gestellt. Der Verein wünscht sich dabei ausdrücklich ein längerfristiges Engagement. Tierschutz als Begriff ist rechtlich wenig geschützt – Tierschützer kann sich grundsätzlich jeder nennen. Erst als Betreiber einer Institution greifen gesetzliche Regelungen. Das Interesse an tierschützerischen Themen sei in der Gesellschaft zwar weit verbreitet und stossen über die sozialen Medien rasch auf Resonanz – vor allem, wenn es um Hunde in Tierheimen im östlichen Ausland gehe. Wenn es aber darum gehe, sich persönlich und vor Ort für notleidende Tiere in der eigenen Region einzusetzen, sinke das Engagement rasch. «Leider sind wir deshalb ständig auf der Suche nach freiwilligen Helfern», sagt Bosshard.
Die steigende Nachfrage nach Tierrettungseinsätzen habe strukturelle Gründe. «Spätestens seit der Pandemie ist bekannt, dass Haustiere vielfach als Ersatz oder zur Lückenfüllung angeschafft werden. Da die Tiere nicht immer artgerecht gehalten werden, enden viele in Tierheimen. Diese sind mittlerweile nicht mehr nur im Sommer, sondern das ganze Jahr hindurch überbelegt», so Bosshard. Ein weiteres gravierendes Problem sind die geschätzten rund 300'000 verwilderten Katzen in der Schweiz, die ohne medizinische Versorgung und ohne regelmässiges Futter auskommen müssen. Das Leid dieser Tiere – oft auch sehr junge – beschäftigt die Mitglieder der KleinTierRettung besonders. «Dieses Leid schon bei ganz jungen Büsis zu sehen, bricht uns immer wieder das Herz», sagt Bosshard. Auch Wildtiere gehören zum Alltag der KleinTierRettung. Der Igel – schon länger auf der Liste der bedrohten Tierarten – leidet massiv unter den Bedingungen in modernen Gärten. Verletzungen durch Rasenroboter und Fadenmäher, starker Parasitenbefall sowie der drastische Rückgang der Insekten als Nahrungsgrundlage setzen ihm zu. In heissen Sommern kämpfen viele Igel zusätzlich mit Dehydrierung. Igelpatienten zählen deshalb zu den häufigsten und regelmässigsten Fahrgästen der KleinTierRettung. Bosshard appelliert: «Wenn wir eine der letzten ganz ursprünglichen Tierarten unseres heimischen Lebensraumes nicht verlieren wollen, sind wir alle gefordert, seine Reviere und Gärten zu schützen und ihn aktiv zu unterstützen.» Auch junge Wildvögel gehören jährlich zu den regelmässigen Patienten – mit steigender Tendenz. Sie leiden zunehmend unter den klimatischen Veränderungen. Nester unter Hausdächern können ab April oder Mai brütend heiss werden, sodass die Jungtiere notgedrungen viel zu früh das Nest verlassen, irgendwo landen und weder fliegen noch sich vor der Witterung schützen können. «Ohne rasche professionelle Hilfe ist dies oft ein Todesurteil», so Bosshard. Daneben finden auch Eichhörnchen, Schlangen, Bartagamen, Tauben und gelegentlich sogar Eis- oder Greifvögel sowie Störche den Weg zur KleinTierRettung und benötigen die Betreuung einer spezialisierten Pflegestation.
Aktuell stützt sich der gesamte Betrieb auf lediglich elf freiwillige Helferinnen und Helfer. Um die Ostschweiz angemessen abdecken zu können, wäre ein Team von mindestens 20 Personen aus verschiedenen Regionen nötig – alles darüber hinaus wäre nach Einschätzung von Bosshard ein «Schön-zu-haben». Derzeit ist der Verein teilweise auf die Unterstützung durch meldende Personen angewiesen, die etwa einen Vogeltransport selbst übernehmen. Dies entspreche jedoch nicht dem eigentlichen Tierschutzgedanken, betont Bosshard. Der Einstieg in die Freiwilligenarbeit bei der KleinTierRettung erfordert neben persönlichem Einsatz auch die Bereitschaft, sich ausbilden zu lassen. Wer neu zum Team stösst, erwartet ein langjähriges, eingespieltes Team, das Tierrettung auf hohem Niveau betreibt. «Man muss schon von einem besonderen Schlag sein, wenn man Tieren in Not auf der Strasse helfen will», fasst Bosshard zusammen.
Auf die Frage, was sie in zehn Jahren anders machen würde, antwortet Bosshard ohne Zögern: Sie hätte viel früher damit angefangen. Stolz erfülle sie hingegen, dass so vielen Tieren und indirekt auch Menschen geholfen werden konnte und die KleinTierRettung sich in der Region als wichtiger Partner des Tierschutzes etabliert hat. Persönlich bedeute ihr besonders viel, dass sich so unterschiedliche Menschen zusammengefunden, einen ganz eigenen Teamgeist entwickelt und gemeinsam für die Schwächsten da sein könnten. Die Begegnungen mit Menschen und Tieren in Ausnahmesituationen zeigten ihr immer wieder, dass der Wille zur Hilfe und Unterstützung in der Region gross sei – «keine Selbstverständlichkeit mehr», wie sie betont. Zum Jubiläum plant der Verein ein kleines Fest mit dem Team am Ende der Hauptsaison, wenn es wieder ruhiger wird. Presseartikel sollen ebenfalls auf die Arbeit des Vereins aufmerksam machen. Konkrete öffentliche Aktionen sind hingegen noch keine geplant, da die ausserordentliche Verfügbarkeit der Helferinnen und Helfer dem Spielraum enge Grenzen setzt.
Selim Jung
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