Fabian Diem
will eine Weiterentwicklung der Stiftung Zeitvorsorge forcieren.
Mit digitalstreetwork.ch lanciert die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ein schweizweit einzigartiges Pionierprojekt. Es bringt die aufsuchende Jugendarbeit in den digitalen Raum – dorthin, wo Jugendliche täglich unterwegs sind.
Prävention Das Ziel der aufsuchenden Jugendarbeit im Netz ist es, Jugendliche frühzeitig zu begleiten, Extremismus vorzubeugen und einen sicheren Ort für Dialog und Orientierung im Internet zu schaffen – und das über die Kantonsgrenzen hinaus in der gesamten Deutschschweiz. Auf Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram sind Jugendliche heute fast rund um die Uhr aktiv. Laut der aktuellen JAMES-Studie, nutzen 89 Prozent der befragten Jugendlichen soziale Netzwerke täglich oder mehrmals pro Woche, wobei die Nutzung mit zunehmendem Alter intensiver wird. Gleichzeitig häufen sich Fälle, in denen junge Menschen online mit diskriminierenden oder extremistischen Inhalten konfrontiert werden. Genau hier setzt digitalstreetwork.ch an. Fachpersonen begleiten junge Menschen, die bereits mit problematischen Narrativen in Kontakt gekommen sind, und eröffnen alternative Perspektiven, bevor sich extremistische Ansichten verfestigen. «Die Idee für das Projekt kam vor rund vier Jahren auf. Adrian Strazza, Leiter Geschäftsentwicklung, hat in einem Podcast von einem ähnlichen Projekt in Deutschland gehört und mit zwei weiteren ehemaligen Mitarbeitenden – Lukrecija Kranz und Samuel Zimmermann – das Konzept geschrieben. Ich habe im Februar die Projektleitung übernommen», erzählt Nam-mi Kölbener. Es sei ein wichtiges Angebot, welches man Jugendlichen zugänglich mache – und es ist schweizweit das erste Projekt in dieser Form. «Wir könnten in der Extremismusprävention online Pionierarbeit leisten,» ist Kölbener sicher.
Die Gefahren, mit denen Jugendliche im Netz konfrontiert sind, sind vielfältig. «Jugendliche sind häufig unaufgefordert einer Flut an problematischen Inhalten ausgesetzt – ob extremen Meinungen, Falschinformationen oder diskriminierenden Inhalten. In einem solche Umfeld können sich extremistische Narrative niederschwellig und geschickt getarnt verbreiten», so Kölbener. Für Jugendliche und auch Erwachsene kann es schwierig sein, seriöse Informationen von aufgeladenen Meinungen und gezielter Desinformation zu unterscheiden. Vieles erscheine heute im Mantel der politischen Aufklärung, verberge aber einen extremen Hintergrund. «Es geht nicht darum, Jugendliche an den Pranger zu stellen – es braucht ein grosses Mass an Medienkompetenz, die erst erlernt werden muss», sagt Kölbener. Im September hat die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi das Modellprojekt gelauncht, daher stehe man noch ganz am Anfang. «Zu Beginn war wichtig, eigenen Content zu produzieren, damit auf unserem Profil etwas zu finden ist. Das ist Teil des Konzeptes, wir arbeiten content- und noncontentbasiert», erläutert die Projektleiterin. Im eigenen Content sollen verschiedene gesellschaftliche Themen aufgegriffen werden, um auf diese aufmerksam zu machen und die Jugendlichen zu sensibilisieren und damit Gespräche anzuregen. «Das können Erläuterungen zu Fake News, Extremismus, Radikalisierung, Rassismus, Sexismus oder Queerfeindlichkeit sein», so Kölbener.
Doch es geht nicht nur darum, eigenen Content zu produzieren. Es geht im Kern vor allem um die aufsuchende Jugendarbeit im Netz. «Wir folgen da diversen Absichten. Einerseits werden wir bei problematischen Inhalten, die man nicht so stehen lassen kann, öffentlich kommentieren und mit einer Einordnung dazu helfen. Und: Wir möchten Gesprächsangebote machen. Wer zum Beispiel mehr zu einem Thema wissen will, kann sich an uns wenden. Warum bestimmte Inhalte problematisch sind, erläutern wir dann gerne im privaten Austausch ausführlicher», meint Kölbener. Das vor allem deshalb, um niemanden in den Kommentaren blosszustellen. Dort werden lediglich Einordnungen gemacht oder kritisch hinterfragt. Durch Sichtbarkeit möchten sich die Fachpersonen von digitalstreetwork.ch vernetzen – mit anderen Fachleuten, vor allem aber mit den Jugendlichen. «Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi betreut auch Jugendtreffs, das hilft, den Bezug zwischen dem Analogen und Digitalen im Austausch und der Vernetzung herzustellen», sagt Kölbener. Im Projekt arbeiten drei Fachpersonen im Teilzeitpensum und Kölbener als Projektleiterin. Das Team wird Social-Media-Plattformen nach kritischen und problematischen Inhalten durchsuchen und darauf reagieren.
«Das braucht Zeit. Der Aufbau der Arbeit passiert nicht von heute auf morgen. Wir haben aber den Kontakt mit ähnlichen Projekten in Deutschland und Österreich gesucht, wo man uns freundlich empfangen hat», meint Kölbener. Wichtig sei, dass der Auftritt professionell und fachlich geschehe, die Profile klar erkennbar sind. «In den privaten Gesprächen, die auf den jeweiligen Plattformen, Signal, Whatsapp oder per Mail stattfinden können, ist die Freiwilligkeit zentral. Wir möchten niemandem etwas aufzwingen, aber die Hand reichen, um unterstützen zu können», sagt Kölbener. Da das Projekt noch ganz am Anfang steht, gilt es herauszufinden, welche Strategien am besten funktionieren. «Unsere Zielgruppe sind die 14 bis 25-jährigen Jugendlichen. Derzeit ist schwer zu sagen, welche der Jugendlichen gut und welche nicht zu erreichen sind», so Kölbener. Das Angebot soll aber Hemmschwellen abbauen, da es digital und anonym stattfindet. «Das kann zum Beispiel für Jugendliche sein, die keinen Jugendtreff in der Nähe haben oder sich niemandem in ihrem analogen Umfeld anvertrauen wollen», sagt Kölbener. Es könne auch sein, dass man sich digital eher getraut, Fragen zu stellen, die tabuisiert sind. «Niemand sagt gerne von sich, dass er oder sie radikal ist oder extremistischen Content konsumiert. Vielleicht ist das bei fremden Personen und digital leichter», meint die Projektleiterin.
Kölbener ist sicher: Jede Person hat im Internet schon Kritisches gesehen. Es gehe darum, herauszufinden, was die Jugendlichen bereits konsumiert haben und wie tief sie drinstecken. «Bei jenen, die problematischen Themen zwar schon begegnet sind, aber in ihrem Radikalisierungsprozess noch nicht allzu weit fortgeschritten sind, haben wir eher eine Chance – ausserdem machen wir keine Ausstiegsarbeit, sondern bieten niederschwellige Unterstützung an.» Es sei höchste Zeit für die digital aufsuchende Jugendarbeit. «Die Lebensrealitäten und gesellschaftlich relevante Themen verschieben sich immer mehr auch in digitale Sphären. Die Themen können zwar auch sehr gut sein – aber eben auch risikobehaftet. Es ist wichtig, dass Fachpersonen dort verfügbar sind, wo sich Jugendliche aufhalten», betont Kölbener. Und das Netz sei inzwischen ein wichtiger Teil der jugendlichen Lebenswelt. «Das kann man nicht ignorieren.» Das Modellprojekt ist derzeit auf drei Jahre zeitlich beschränkt. Kölbener meint, es solle darüber hinaus weitergehen. «Je nachdem welche Erkenntnisse wir daraus ziehen, könnten auch neue Angebote entstehen – zum Beispiel Workshops für Eltern und Schulen. «Ziel ist es auf jeden Fall, das Angebot zu etablieren und digital präsent zu bleiben in der aufsuchenden Jugendarbeit.
Stefanie Rohner
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