Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
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Für viele ältere Menschen in der Schweiz ist der Wunsch klar: möglichst lange im vertrauten Zuhause bleiben. Nicht irgendwann, sondern so lange, wie es gesundheitlich und praktisch verantwortbar ist. Dahinter steckt mehr als Bequemlichkeit. Es geht um Eigenständigkeit, vertraute Wege, Nachbarschaft, Tagesroutine – kurz gesagt um ein Leben, das nicht plötzlich neu organisiert werden soll, nur weil Treppen schwerer fallen oder Wege im Haus unsicher werden. Gerade in Gemeinden wie Gossau zeigt sich das oft sehr deutlich. Wer jahrzehntelang am selben Ort gelebt hat, möchte dort nicht leichtfertig weg. Entscheidend ist deshalb, ob die Wohnung oder das Haus mit den Anforderungen des Alters Schritt halten kann.
Genau an diesem Punkt werden durchdachte Wohnanpassungen wichtig. Ein Treppenlift ist in der Praxis oft kein Zeichen dafür, dass Selbstständigkeit verloren geht, sondern eher das Gegenteil: eine Möglichkeit, sie zu erhalten. Viele Betroffene beschäftigen sich damit nicht erst nach einem Sturz, sondern schon dann, wenn das Treppensteigen täglich mehr Kraft kostet, Unsicherheit auslöst oder einzelne Räume seltener genutzt werden. Früh zu handeln schafft in solchen Situationen Luft. Und es verhindert nicht selten, dass aus einer überschaubaren Einschränkung plötzlich ein Umzugsgrund wird.
Im höheren Alter gewinnt das direkte Wohnumfeld stark an Bedeutung. Wege werden bewusster wahrgenommen, Abläufe langsamer, kleine Hindernisse spürbarer. Was früher kaum auffiel, kann später zum echten Problem werden: eine schlechte Beleuchtung im Treppenhaus, ein enger Durchgang, ein Bad ohne Haltemöglichkeit. Laut Bundesamt für Statistik lebt die grosse Mehrheit der älteren Bevölkerung in der Schweiz weiterhin im eigenen Zuhause, während gesundheitliche Einschränkungen und Mehrfacherkrankungen mit dem Alter zunehmen. Diese Entwicklung beeinflusst ganz direkt, wie sicher und selbstständig der Alltag noch bewältigt werden kann.
Interessant ist dabei, wie sich der Begriff altersgerechtes Wohnen verändert hat. Früher dachte man rasch an Pflegebedarf. Heute geht es viel breiter darum, ob ein Wohnraum Beweglichkeit unterstützt, Rückzug ermöglicht und soziale Teilhabe nicht erschwert. Das kann ein Lift sein, aber genauso gute Beleuchtung, weniger Schwellen oder eine besser nutzbare Küche. Auch lokale Wohnmodelle greifen dieses Thema auf. Ein Hinweis darauf, dass Selbstständigkeit und Nachbarschaft längst zusammengedacht werden.
In der Beratung zeigt sich immer wieder ein ziemlich typisches Muster. Das Haus funktioniert über viele Jahre problemlos, dann wird plötzlich ein Bereich zur Hürde. Meist ist es die Treppe. Nicht das Gebäude an sich, nicht das Quartier, nicht einmal der Grundriss – nur diese eine Verbindung zwischen den Etagen. Und trotzdem verändert genau sie den Alltag stark. Wer Stufen nur noch langsam, unter Schmerzen oder mit Unsicherheit bewältigt, beginnt Räume zu meiden. Erst selten, dann regelmässig.
Deshalb sollte ein Treppenlift nicht als Luxuslösung missverstanden werden. In vielen Fällen ist er schlicht eine pragmatische Anpassung, mit der ein bestehendes Zuhause weiter sinnvoll nutzbar bleibt. Entscheidend sind dabei nicht nur Anschaffungskosten. Ebenso wichtig sind Fragen zur Treppenform, zum Platzbedarf, zur Bedienung, zum Sitzkomfort und zur späteren Wartung. Hinzu kommt etwas, das in Werbevergleichen oft untergeht: Die technisch passende Lösung ist nicht automatisch die alltagstauglichste. Genau dort trennt sich Theorie von Praxis.
So hilfreich technische Hilfsmittel auch sein können – allein lösen sie selten alles. Wer im Alter zuhause selbstständig bleiben möchte, braucht meist mehrere Dinge gleichzeitig: Sicherheit, Bewegung, Orientierung und soziale Einbindung. Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt in allen 26 Kantonen Programme, die genau dort ansetzen, also bei Bewegung, psychischer Gesundheit und Alltagskompetenz älterer Menschen. Das ist relevant, weil Prävention längst nicht mehr nur als medizinische Frage betrachtet wird.
Hinzu kommt die Sturzprävention. Sie beginnt nicht erst in der Physiotherapie. Häufig fängt sie in der Wohnung an – mit freien Laufwegen, rutschfesten Böden, gut platzierten Handläufen, klaren Kontrasten und genügend Licht. Klingt unspektakulär. Ist aber oft entscheidend. Gerade kleine, früh umgesetzte Anpassungen wirken im Alltag meist stärker als grosse Umbauideen, die über Monate diskutiert und dann doch verschoben werden.
Viele schwierige Entscheidungen rund ums Wohnen entstehen unter Druck: nach einem Spitalaufenthalt, nach einem Sturz oder dann, wenn Angehörige kurzfristig handeln müssen. In solchen Momenten wird selten in Ruhe verglichen. Wer sich früher mit der eigenen Wohnsituation beschäftigt, behält mehr Wahlfreiheit. Angebote lassen sich besser prüfen, Lösungen realistischer einschätzen und der tatsächliche Alltag ehrlicher mitdenken.
Genau das ist der eigentliche Punkt. Selbstständig zuhause zu bleiben ist in der Schweiz für viele ältere Menschen erreichbar – aber nicht automatisch. Es braucht ein Umfeld, das mit dem Leben mitwächst. Treppen, Licht, Schwellen, Bewegungsflächen und soziale Nähe entscheiden oft stärker über Lebensqualität als die grosse Diagnose. Wer Hindernisse rechtzeitig erkennt und Anpassungen nicht erst im Krisenmoment angeht, sichert sich etwas sehr Konkretes: mehr Freiheit im eigenen Alltag, und zwar dort, wo sie am meisten zählt.
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