(Von links) Mohammad Yaqub Naqshbandi, Arlette Christinger, Pamela Dürr, Vasylysa Frolova, Hani Ismail.
11.12.2025 17:18
Mit neuer Theaterproduktion ins neue Jahr
Kulturkosmonauten zeigen am 3. und 4. Januar im Talhof das selbst erarbeitete Stück «Chaos Cabaret»
Der St.Galler Verein Kulturkosmonauten hat im Oktober den Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung erhalten. Mit ihrem offenen, kreativen Angebot für Jugendliche fördern sie nicht nur künstlerischen Ausdruck, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Integration – so auch aktuell bei der intensiven Vorbereitung auf das Theaterstück «Chaos Cabaret».
Kultur Der Verein Kulturkosmonauten hat im Oktober den Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung erhalten. Die Auszeichnung kam für die Beteiligten überraschend. «Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet», sagt Pamela Dürr, Autorin und künstlerische Leiterin des Vereins. Der Preis sei nicht nur eine finanzielle Unterstützung, sondern vor allem eine sehr schöne Wertschätzung. «Wir haben mittlerweile mit mehr als 3'300 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammengearbeitet, und trotzdem gibt es in St.Gallen noch Leute, die uns nicht kennen. Mit dem Anerkennungspreis habe ich das Gefühl, dass wir in St.Gallen endlich angekommen sind», so Dürr.
Offenes Angebot für junge Menschen
Der Verein organisiert kreative und künstlerische Workshops, die sich an junge Menschen richten – ohne starre Altersgrenzen. «Wir grenzen niemanden aus – auch nicht wegen jemandes Alters», sagt Dürr. Der Förderauftrag des Vereins liege darin, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die schwer Zugang zu kultureller Bildung finden, eine Teilnahme zu ermöglichen. Aus intensiven zehntägigen Workshops entwickelte sich das sogenannte Montagstraining. Als viele der Teilnehmenden nach den Kursen weitermachen wollten und es in St.Gallen kein vergleichbares Angebot gab, entschied der Verein, diese Lücke zu schliessen. Das ist sechs Jahre her. Heute umfasst der Chat der Gruppe mehr als 100 Personen, zwischen 15 und 30 kommen jeweils zu den Trainings – freiwillig und ohne Verpflichtung. Unter Anleitung zweier Kunstschaffender üben sie Tanz, Bewegung, Schauspiel und weitere Formen des künstlerischen Ausdrucks. Neben der jährlichen Hauptproduktion tritt die Gruppe regelmässig auch mit kleineren Formaten auf. So performte sie jüngst an der 20-Jahr-Feier der St.Galler Erklärung der Religionsgemeinschaften eine Friedenserklärung vor Publikum – darunter Bundesrat Beat Jans.
Gelebte Integration
Für viele Teilnehmende ist das Montagstraining nicht nur ein künstlerisches Angebot, sondern ein sozialer Anker. Vasylysa Frolova (24), die aus der Ukraine nach St.Gallen kam, fand dort schnell Anschluss: «Ich habe viele tolle Leute kennengelernt. Alle waren sehr offen und freundlich – schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, ich würde alle seit Jahren kennen.» Arlette Christinger (19) kommt seit Jahren ins Training. Für sie ist der Montagabend ein fester Bestandteil ihres Alltags: «Es gibt mir einige Stunden in der Woche, in denen ich komplett abschalten kann. Ein Ort, an dem man sich entspannen und neu erfinden kann.»
Die Kulturkosmonauten arbeiten auch mit diversen Partnerorganisationen wie Bildungs- und Kulturinstitutionen, Jugendorganisationen sowie Asylzentren und Integrationskursen zusammen. Dadurch stossen immer wieder auch junge Migrantinnen und Migranten zur Gruppe – auch solche, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz sind. Mohammad Yaqub Naqshbandi (20) aus Afghanistan und Hani Ismail (17) aus Somalia sind zwei aktuelle Beispiele dafür. «Ich habe viele neue Leute kennengelernt und kann hier meine Deutschkenntnisse verbessern. Es erleichtert, Schweizerinnen und Schweizer und ihre Kultur kennenzulernen», sagt Naqshbandi. Hani Ismail erlebte einen ähnlichen Einstieg: «Ich wurde von Anfang an herzlich willkommen geheissen. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben, denn am Anfang war es für mich nicht leicht, neue Kontakte zu knüpfen.»
Proben für das «Chaos Cabaret»
Aktuell bereitet sich die Montagstrainingsgruppe auf die Jahresproduktion «Chaos Cabaret» vor. Die Inszenierung orientiert sich am Musical «Cabaret». Themen wie Freiheit, Identität und Selbstbestimmung stehen im Zentrum. Ergänzt wird das Figurenensemble durch selbst entwickelte Charaktere sowie Elemente aus Daniil Charms’ absurdem Stück «Zirkus Sardam». Gemeinsam mit den professionellen Theaterschaffenden Anna von Schrottenberg und Tobias Stumpp sowie Pamela Dürr als Drehbuchautorin erarbeiten die Jugendlichen seit Herbst die Handlung. Zwischen Weihnachten und Neujahr probt die Gruppe zehn Tage intensiv. Dürr erwartet ein mutiges Stück: «Wir sind gespannt auf ein ‘Chaos Cabaret’, welches den Raum für Kunst, Poesie, Verschiedenheit und Zusammenhalt öffnet – und sich einer Zeit entgegenstellt, in der das gesellschaftliche Klima draussen merklich abkühlt.» Am 29. Dezember findet im Talhof eine öffentliche Probe statt. Die Premiere folgt am 3. Januar 2026, eine zweite Aufführung findet am 4. Januar statt.
Selim Jung