21.10.2026 00:00
Olma-Effekt? Bratwurst, Bier und Wein, dann die Pille danach
Bratwurst, Bier sowie eine ausgelassene Stimmung gehören zur Olma. Offenbar gehört dazu auch ein deutlich häufigerer Weg in die Apotheke: Im Oktober geben Apotheken in St.Gallen rund doppelt so viele «Pille danach» ab wie in einem normalen Monat.
Verhütung Der Schweizer Bauernverband verteilt an der diesjährigen Olma gratis Kondome. Auf der Packung steht: «Damit nur wächst, was wachsen soll.» Der Spruch sorgt auf Instagram für Aufsehen und Schmunzeln. Und er und wirft eine Frage auf, die in St.Gallen offenbar mehr ist als ein Gerücht: Wird während der Olma wirklich häufiger auf die Pille danach zurückgegriffen? Die Antwort der Apothekerin lautet: Ja. Zumindest zeitlich passt es auffällig gut.
Doppelte Nachfrage im Oktober
«Ja, wir geben im Oktober tatsächlich etwa doppelt so viele Pille danach gegenüber einem normalen Monat ab», sagt Claudia Meier-Uffer, Präsidentin des Apothekenverbands St.Gallen Appenzell. Ähnliche Spitzen kennt sie auch nach der Offa, Open-Airs oder anderen Festivals.
Die Olma selbst ist damit zwar nicht automatisch als Ursache bewiesen. Aber die Plausibilität liegt auf der Hand: Mehr Menschen in der Stadt, längere Nächte, Alkohol und offenbar gelegentlich etwas weniger
Vorsicht. «Dass mehr los ist und Alkohol im Spiel eine gewisse Nachlässigkeit mit sich bringt, ist plausibel», sagt Meier-Uffer. «Belegen lässt sich das aber allein aus den Zahlen nicht.»
Die Olma findet dieses Jahr vom 8. bis 18. Oktober statt und gehört zu den grössten Publikumsmessen des Landes. Genau in diese Zeit fällt also der Monat, in dem die Apotheken die Notfallverhütung deutlich häufiger abgeben.
Das Bild ist allerdings nicht überall gleich: Eine Kurzumfrage von Dominique Bätscher, Vizepräsidentin des Apothekenverbands St.Gallen Appenzell, zeigt, dass die Mehrheit der zehn von ihr befragten Apotheken keine vermehrte Nachfrage verzeichnet. Drei Apotheken meldeten Bätscher jedoch mehr Beratungsgespräche zur Pille danach als in den übrigen Monaten. «Von 'einige wenige mehr' bis zu 'doppelt so häufiger Abgabe der Pille danach'», sagt sie. Welche Apotheken rund um die Stadt St.Gallen angefragt wurden, ging aus der Antwort nicht hervor.
Samstagabend und Montagmorgen
Aussagekräftig ist dabei auch der Zeitpunkt: «Typischerweise am Wochenende, also vor allem am Samstag und am Montagmorgen, wenn die Nacht reflektiert wird», sagt Meier-Uffer. Die meisten kommen laut Meier-Uffer rasch. Und das aus gutem Grund. Denn je früher die Pille danach eingenommen wird, desto zuverlässiger wirkt sie. In der Schweiz ist sie rezeptfrei erhältlich, wird aber vor der Abgabe in einem vertraulichen Fachgespräch beraten.
Kein Grund zur Scham
Wer in dieser Situation in die Apotheke kommt, hat oft Angst, Scham oder schlicht viele Fragen. Genau deshalb nimmt Meier-Uffer die Betroffenen in ein separates Sprechzimmer. «Ich höre zu, ruhig und wertefrei», sagt sie. Und sie moralisiert nicht: «Wir sind eine niederschwellige und unkomplizierte Anlaufstelle für Frauen, die eine
Notfallverhütung wünschen.» Das ist wichtig – denn ein Kondom-Unfall, eine vergessene Pille oder ungeschützter Sex können jedem passieren. Wer Hilfe sucht, handelt verantwortungsvoll, nicht leichtsinnig.
Am häufigsten seien laut Meier-Uffer ein «Kondom-Unfall» und ungeschützter Verkehr der Auslöser. Dazu kämen eine vergessene oder zu spät eingenommene Pille. «Etwa nach Erbrechen, Durchfall oder der Einnahme von Antibiotika», so die Verbandspräsidentin.
Kondome als Werbegeschenk
Der Schweizer Bauer gibt die Kondome übrigens nur auf Anfrage ab. «Diejenigen, die danach fragen, kommen also gezielt zu uns und freuen sich natürlich über das Werbegeschenk», sagt Jasmin Vultier, Social-Media-Verantwortliche des Schweizer Bauernverbands. Die Reaktionen seien «durchwegs positiv und oft auch mit einem Schmunzeln verbunden».
Von der erhöhten Nachfrage nach der Pille danach wusste der Verband laut Vultier bislang nichts: «Davon haben wir bisher nichts gehört.» Die Kondome seien auch nicht extra für die Olma produziert worden, sondern seit rund einem Jahr als Werbegeschenk im Einsatz. Trotzdem passt die Aktion auffällig gut in die St.Galler Volksfest-Wochen. Vultiers augenzwinkerndes Fazit: «Wir Schweizer Bäuerinnen und Bauern wissen, wie man etwas zum Wachsen bringt. An der Olma sorgen wir dafür, dass nur wächst, was wachsen soll.»
Kein Ersatz für Verhütung
Die Pille danach ist ein Notfallmittel – kein Plan B für jeden Samstagabend. Meier-Uffer macht deutlich: «Dass die Menschen den Weg in die Apotheke finden und rasch handeln, ist gut.» Sorgen mache sie sich erst, wenn dieselbe Person immer wieder komme. Dann brauche es ein Gespräch über eine zuverlässige Verhütung. Und ein wichtiger Punkt bleibt: Die Pille danach schützt nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen. «Auch das thematisiere ich», sagt die Apothekerin. Ihre Botschaft ist daher so unaufgeregt wie wichtig: «Wenn es dann doch einmal passiert? Dann soll sich niemand dafür schämen oder Angst vor dem Unbekannten haben. In der Apotheke hilft man gerne weiter.»
Von Marino Walser