Fabian Diem
will eine Weiterentwicklung der Stiftung Zeitvorsorge forcieren.
Der Pflegebedarf in der Stadt St.Gallen wächst - ab 2040 sollte sich die Lage wieder entspannen.
Die Stadt St.Gallen hat ihre Angebotsplanung Alter für die Jahre 2025 bis 2035 aktualisiert. Sie zeigt: In den kommenden Jahren steigt der Pflegebedarf deutlich an, bevor sich die Situation nach 2040 wieder entspannt.
Pflege Mit der aktualisierten Angebotsplanung Alter für die Jahre 2025 bis 2035 kommt die Stadt St.Gallen einem gesetzlichen Auftrag nach. Gemeinden sind verpflichtet, den künftig zu erwartenden Bedarf an Unterstützungsleistungen für Betreuung und Pflege älterer Menschen regelmässig mit den bestehenden Angeboten abzugleichen und bei Bedarf Massnahmen zu ergreifen. Der neue Bericht zeigt auf, in welchen Bereichen in den kommenden Jahren Handlungsbedarf besteht. Ausgangspunkt der Planung ist die demografische Entwicklung. Wie andere Gemeinden in der Schweiz steht auch St.Gallen vor der Herausforderung, die bis 2040 kontinuierlich wachsende Zahl von Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen bedarfsorientiert, qualitativ hochwertig und zugleich kosteneffizient zu betreuen und zu pflegen.
Die 24 Seiten starke «Angebotsplanung Alter 2025 bis 2035» der Stadt St.Gallen enthält aufschlussreiches Zahlenmaterial und zeigt auf, dass die Zunahme der älteren Bevölkerung zu einer zusätzlichen finanziellen Belastung der Stadt namentlich bei der Restfinanzierung von Pflegeleistungen führen wird, diese aber durch die Förderung des ambulanten Bereichs stark abgebremst werden kann. Mit der Generation der «Babyboomer» steigt die Zahl der Menschen im Alter von über 65 Jahren in den kommenden Jahren auch in der Stadt St.Gallen stark an. Sie steigt von 14‘505 im Jahr 2025 auf 15‘938 Personen im Jahr 2030 und 17‘885 im Jahr 2040. Im gleichen Zeitraum wächst der Anteil der Menschen im Alter von über 80 Jahren von 4‘745 auf 7‘421.
Ende 2024 wurden in der Stadt 1379 stationäre Pflegeheimplätze angeboten bei einer Auslastung von 93,6 Prozent, die in den letzten Jahren recht stabil ausgefallen ist. Die Zahl der freien Plätze reduzierte sich leicht auf 88. Der Anteil Auswärtiger an der gesamten Belegung belief sich auf 17,3 Prozent. Auf fast gleicher Höhe liegt die Zahl der städtischen Einwohnerinnen und Einwohner in auswärtigen Heimen. Die durchschnittliche Pflegeintensität ist in den vergangenen Jahren um rund zehn Prozent auf täglich 100 Minuten gestiegen. Diese durchschnittliche Pflegeintensität (Pflegestufe 5 von 12 Stufen) bedeutet für die Stadt eine monatliche Restfinanzierung von 1’410 Franken pro Heimbewohnerin respektive Heimbewohner. Diese finanzierten Restkosten verdoppelten sich in den letzten zehn Jahren auf 22,3 Millionen.
Wesentlich weniger stark gestiegen sind in den letzten zehn Jahren die Kosten der Restfinanzierung ambulanter Leistungen. Allerdings sind in letzter Zeit zahlreiche neue Spitex-Organisationen mit einem auf Angehörigenpflege basierenden Geschäftsmodell entstanden, welche zu zusätzlichen Restfinanzierungsansprüchen gegenüber der Stadt von zuletzt über 100‘000 Franken monatlich führten. Aktuell gibt es Bestrebungen, diese Entwicklung durch gesetzgeberische Massnahmen zu ordnen.
Das Betreute Wohnen hat in St.Gallen an Bedeutung gewonnen. Rund 278 Wohnungen mit Dienstleistungen für ältere Menschen stehen zur Verfügung. Gemäss Prognose wären bis 2040 insgesamt 1919 Pflegeheimplätze notwendig – also 540 zusätzliche gegenüber heute –, falls ambulante Pflegeleistungen in tiefen Pflegestufen nicht deutlich stärker gefördert würden. Da die Restfinanzierung im stationären Bereich vier- bis fünfmal höher ist als im ambulanten Bereich, wird deutlich, wie wichtig die Verlagerung leicht Pflegebedürftiger in den ambulanten Bereich aus finanzieller Sicht ist. Dies setzt allerdings einen erheblichen Ausbau der Spitex-Leistungen voraus.
Vor diesem Hintergrund zieht die Stadt St.Gallen eine klare Schlussfolgerung: Neue stationäre Pflegeheimplätze sollen nicht geschaffen werden. Zwar müsste die Zahl der Heimplätze steigen, wenn der Anteil von Menschen mit tiefem Pflegebedarf in den Heimen gleich bliebe wie bisher. Da jedoch davon ausgegangen wird, dass sich die Zahl der pflegebedürftigen Personen nach 2040 aufgrund der Demografie wieder verringert und weil eine Betreuung bei geringem Pflegebedarf häufig zu Hause möglich und sinnvoll ist, will die Stadt einen Ausbau stationärer Angebote vermeiden. Ein minimaler Überbestand an Heimplätzen bleibt bewusst bestehen, da für einzelne Personen ein Heimaufenthalt auch bei geringer Pflegebedürftigkeit angezeigt sein kann. Dass diese Strategie bereits jetzt umgesetzt wird, bestätigt Marlen Rutz Cerna, Fachspezialistin Alter bei der Stadt St.Gallen: «Wir sind bereits dran, vereinzelte Massnahmen umzusetzen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Wir sehen bereits, dass die Anzahl der Menschen mit tiefem Pflegebedarf abnimmt.»
Die Stadt setzt auf eine deutliche Stärkung der vorgelagerten Versorgung. Medizinische und pflegerische Leistungen sollen, wo immer möglich, vom stationären in den ambulanten Bereich verlagert werden. Dazu gehören gut zugängliche und bezahlbare Pflege- und Betreuungsangebote wie eine 24-Stunden-Spitex, Entlastungsangebote für Angehörige sowie intermediäre Wohnformen wie Betreutes Wohnen oder Tages- und Nachtstrukturen. Eine Ausweitung der stationären Pflege bleibt ausgeschlossen. «Aufstockung der stationären Plätze ist ausgeschlossen. Bei den intermediären Angeboten, zum Beispiel beim betreuten Wohnen, sieht es anders aus. Hier ist ein Ausbau möglich und auch gewünscht», so Rutz Cerna.
Die aktualisierte Angebotsplanung knüpft an die städtische Bedarfsplanung von 2017 sowie an die Strategie Alter und Gesundheit 2030 an. Im Zentrum stehen konkrete Projekte zur Förderung der Betreuung zu Hause, die Prüfung einer aktiveren Rolle der Stadt bei betreuten Wohnformen sowie die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle Alter. Auch die Zusammenarbeit mit den Pflegeheimen soll weiter vertieft werden. Im ambulanten Bereich laufen bereits entsprechende Vorbereitungen. Zur geplanten Weiterentwicklung der Spitex-Angebote sagt Rutz Cerna: «Die Spitex SG AG agiert im Leistungsauftrag der Stadt. Die Bestrebungen gehen klar in Richtung einer grösseren zeitlichen Abdeckung. Die grösste Herausforderung ist dabei der Fachkräftemangel.» Mit dieser langfristigen Ausrichtung will die Stadt St.Gallen den steigenden Pflegebedarf der kommenden Jahre bewältigen, ohne Überkapazitäten zu schaffen – und zugleich sicherstellen, dass die Versorgung auch über das Jahr 2040 hinaus tragfähig bleibt.
Franz Welte und Selim Jung
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