Fabian Diem
will eine Weiterentwicklung der Stiftung Zeitvorsorge forcieren.
Die evangelische Kirchgemeinde feierte kürzlich ihr 125-jähriges Jubiläum. Ein Anlass, die Geschichte der Reformierten in Gossau zu beschreiben. Die erste Gossauer Geschichte von Paul Staerkle gibt Auskunft über die ersten Reformierten in der Gemeinde.
Geschichte Während der Reformationszeit schlossen sich insbesondere Bürger aus der Oberschicht der neuen Glaubensrichtung an. Es kam unter anderem zu Bilderstürmerei, das heisst zur Zerstörung von Altären und Heiligenbildern in der Kirche von Gossau. Einige Bewohner wollten noch radikalere Reformen und schlossen sich den Täufern an. Es wurden Bussen, Todesstrafen und Landesverweise ausgesprochen. Schliesslich setzte der Landesfürst, Abt Diethelm Blarer, sein Recht durch, festzulegen, welcher Konfession seine Untertanen in der alten Landschaft angehören müssen. Das war selbstverständlich die katholische Konfession. Es folgten nun Jahrhunderte, in denen es keine reformierten Bewohner in Gossau gab. Erst mit der Errichtung der Türkischrotfärberei von J.J.Kelly im Mettendorf um 1824 zogen einige reformierte Familien, vorwiegend solche aus dem Glarnerland, in die Gemeinde. Anfänglich müssen das ganz Wenige gewesen sein. Die Zeitung ‘Der Erzähler’ vom 7.3.1834 berichtet, dass an einer Bürgerversammlung einer reformierten Familie die Niederlassung verweigert wurde. «In der Versammlung soll geäussert worden sein, man habe in der Gemeinde bereits drei reformierte Familien, und wenn es so fortgehe, so werden sie bald Anspruch auf das Kirchengut machen(!)»
Das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten war oft gestört. Es war allerdings nicht nur ein konfessioneller Konflikt. Die meisten Industriellen waren politisch liberal und viele davon auch reformiert. Aus politischen Gründen kämpften sie gegen die Konservativen, die alle katholisch waren. Diese lebten den strengen Katholizismus, der von Papst und Bischöfen eingefordert wurde. Im St.Galler Volksblatt vom 19.8.1871 wird vor den schlimmen Folgen des Fabrikwesens gewarnt. Es gab nämlich Fabrikarbeiter, die im Kommunismus ihr Heil sahen. Viele Arbeiter waren auch antiklerikal eingestellt. Die Fabriken in Gossau wurden denn auch nicht von Einheimischen gebaut und betrieben. Die hiesigen grossen Stickereibetriebe waren lediglich Produktionsstätten. Die Firmenleitungen befanden sich in St.Gallen. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es vermehrt zur Ansiedlung von Reformierten in Gossau. Es waren Käser, die um 1846 aus dem Bernbiet kamen und in unserer Gegend die Käserei einführten. Bis dahin wurde die Milch unbehandelt verkauft oder zur Herstellung von Butter verwendet. Eine der vermögendsten reformierten Familien war die Familie Siegenthaler, die als Käser begannen und nachher erfolgreich internationalen Käsehandel betrieb. Der Betrieb an der Bischofszellstrasse mit grossem Käsekeller ging dann in der Emmental AG auf. Wie auch die Käsehandelsfirma Huber, die an der Sonnenbühlstrasse ihren Keller betrieben hatte.
Die Reformierten resp. Liberalen waren initiativ und wirtschaftlich erfolgreich. Dazu gehörte unter anderem Ercole Cedraschi, (1833 – 1877) – Mitbesitzer der Textilfärber- und Druckerei im Mettendorf. Als Handelsreisender war er fünf Jahre in der Schweiz und einige Jahre in England tätig, bis er 1863 mit Freunden die Türkischrotdruckerei kaufte. Cedraschi war auch Mitgründer der ersten paritätischen Realschule in Gossau. 1873 übernahm die politische Gemeinde die Realschule, weil sie verhindern wollte, dass die Schule gänzlich in die Hände der Radikalen falle. Reformierte und liberale Bürger engagierten sich in der Gemeinde, waren aktive Schützen und förderten auch die Landwirtschaft. Liberale Unternehmerfamilien gehörten bis nach dem 2. Weltkrieg zu Gossau. Mit dem Boom in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg erstarkte das lokale Gewerbe aus dem katholisch konservativen Milieu. Es gab zwar auch einige reformierte Gewerbler, die katholischen Betriebe dominierten aber eindeutig. Nicht zu Unrecht wurde eine initiative Gruppe dieser Unternehmer als «heilige Familie» von Gossau bezeichnet.
1863 wurde eine evangelische Primarschule gegründet. Der Lehrer und Chronist Johann Felder schrieb 1893: «Konfessionelle Gründe waren nicht massgebend, indem das Verhältnis zwischen den Konfessionen ein friedliches war». Die Schule wurde gegründet, weil die bisherige überfüllt war und die Gemeinde nicht gewillt war, einen weiteren Lehrer anzustellen. Ein weiterer Grund seien die Zeit-verluste gewesen, weil die katholischen Kinder an den Leichenbegräbnissen teilnehmen mussten und die Schule an vielen katholischen Feiertagen geschlossen blieb. Religion spielte aber auch in der evangelischen Schule eine grosse Rolle. Die Lehrer sollten die Kinder zur Furcht Gottes, zu Gehorsam gegen Eltern und geistliche und weltliche Obrigkeiten erziehen. Der Unterricht wurde mit Gebet begonnen und geschlossen. Lehrer Felder schrieb in der Geschichte der evangelischen Schule in Gossau 1863-1907 von einer eigentlichen Bernerschule, denn 88 Prozent der Schüler waren Berner und sprachen diesen Dialekt. Felder schrieb im Übrigen, dass das Verhältnis zwischen beiden Konfessionen «nicht bloss ein tolerantes, sondern ein herzliches, freundschaftliches» war. Bei den Katholiken hatte die Kirche dennoch eine grössere Bedeutung. Es gehörte dazu, dass die Kinder vor dem Schulunterricht einen Gottesdienst besuchten. Konfessionell getrennte Schulen wurden nach dem 2. Weltkrieg immer mehr in Frage gestellt. Aber erst im Jahre 1977 fusionierten die beiden Primarschulen und wurden in die Gemeinde Gossau integriert. Vorher wurden jährlich separate Schulgemeindeversammlungen abgehalten.
Die reformierten Einwohner von Gossau besuchten im 19. Jahrhuntert die Kirche in Oberglatt. Daran wird heute noch erinnert, wenn jeweils an Auffahrt Flawiler, Degersheimer und Gossauer Reformierte gemeinsam in dieser Kirche Gottesdienst feiern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Anzahl reformierte Einwohner über 1000 gestiegen. So konnten sie es wagen, eine eigene Kirche auf dem Haldenbühl zu bauen. Im Dezember 1900 wurde diese feierlich eingeweiht. In der Reformierten Kirchgemeinde entwickelte sich ein reges Gemeinde-leben. Neben Gottesdiensten und Seelsorge waren immer auch die Sonntagsschule, Kinderlehre und Konfirmationsunterricht wichtige Aktivitäten. Ein privater Verein führte ab 1914 einen evangelischen Kindergarten. 1944 wurde er in die Schulgemeinde integriert. Ein eigener Kirchenchor gehörte selbstverständlich dazu. Mangels Nachwuchs löste sich der Chor in den 2000er Jahren auf. Ein evangelischer Frauenverein wurde gegründet. Hauptzweck des Vereins, neben Bildung und Geselligkeit, war die Unterstützung von Bedürftigen. Die Frauen eröffneten eine Brockenstube für günstige Kleider und Haushaltsgegenstände und als Geldquelle zur finanziellen Unterstützung der Armen. 2024 beschloss der Frauenverein seine Auflösung, da keine Frauen mehr für den Vorstand gefunden wurden, 2025 wurde auch die Brocki geschlossen.
Die Kirchgemeinde übernahm ebenfalls soziale Aufgaben. So stellte sie 1942 eine Diakonissin als Gemeindeschwester an. Sie leistete medizinische und praktische Hilfe. 1953 wurde zusätzlich zur Gemeindeschwester eine Familienhelferin angestellt. Von 1926 bis 1935 bestand ein evangelisches Kinderheim an der Andwilerstr. 27. Elise Cedraschi hatte das Haus zu diesem Zwecke der Kirchgemeine vermacht. Die evangelischen Pfarrer waren geachtete Personen, hatten aber nie die öffentliche Bedeutung des katholischen Klerus, der sich in Gossau auch stark politisch engagierte. Der katholische Einfluss war immens, vor allem in der Schulpolitik, wo die Pfarrer über Jahrzehnte auch Präsidenten der kath. Schulgemeinde waren. Die freisinnige Lokalpresse betitelte Gossau als «rabenschwarz» oder gar «stockfinster» wegen des starken Einflusses der Geistlichkeit in der Politik.
Lehrer Felder hatte geschrieben, dass das Verhältnis zu den Reformierten recht gut gewesen sei. Lange Zeit lebten die Katholiken und Reformierten aber eher neben- als miteinander. Am ersten Jugendfest durften nur katholische Kinder teilnehmen. Das Narrativ, dass die katholischen Einwohner nur bei den von Katholiken betriebenen Läden einkauften und die Reformierten nur bei denen ihrer Glaubensrichtung, ist sicher begründet. In einigen Memoiren von Gossauerinnen und Gossauern wird auf die Trennung der Detailgeschäfte hingewiesen. Mit dem Aufkommen der Grossverteiler in den 60er Jahren verlor sich die Bedeutung der Konfessionszugehörigkeit beim Alltagskonsum endgültig. Da der Kindergarten und die Primarschule bis 1977 konfessionell getrennt waren, kam es erst in der Sekundarschule zu vermehrten Kontakten zwischen reformierten und katholischen Schülern. Bei Mädchen, die in die katholische Mädchensekundarschule gingen, blieb es auch im jugendlichen Alter bei weniger Beziehungen zu reformierten Gleichaltrigen. Die Schüler waren sich eher fremd und so kam es vor, dass sich die Kinder auf der Strasse gegenseitig Schimpfwörter nachriefen.
Der grösste reformierte Feiertag, der Karfreitag, wurde von den Katholiken eher bewusst als Arbeitstag begangen. Es wird immer wieder berichtet, manche Bauern hätten extra an diesem Tag die Gülle ausgetragen und die Frauen hätten Matratzen aus den Häusern getragen und stundenlang geklopft. Religiöse Traditionen der Reformierten wurden bis in die 70er Jahre durchgehend gepflegt. Dazu gehörten die Taufe und damit kirchliche Einsetzung der Paten, die Konfirmation und die Heirat. Die Konfirmation war für die jungen Leute von besonderer Wichtigkeit, bedeutete sie doch die offizielle Aufnahme als mündiges Mitglied in die Kirch-gemeinde. Es war ein Fest, bei dem die Konfirmanden Geschenke, Blumen und Glückwunschkarten erhielten, oft auch von den katholischen Nachbarn. Das Fest wurde mit Fotoportraits dokumentiert. Sie zeigen die jungen Frauen in festlichen Kleidern, anfänglich ganz in schwarz, und die Jungmänner in ihren ersten Anzügen. Die Namen der Konfirmanden und ein Gruppenfoto werden heute noch regelmässig im Kirchenboten der Kirchgemeinde publiziert.
Konfessionell getrennte Vereine und Organisationen zu führen, war lange vor allem ein Anliegen seitens der Katholiken. 1876 wurde der paritätische Turnverein Gossau gegründet. 1922 entstand aus dem Jünglingsverein der katholische Turnverein Fortitudo. Das gleiche bei den Pfadfindern: 1924 wurde die konfessionsneutrale Pfadi Helfenberg-Oberberg gegründet. Zehn Jahre später wurde eine konkurrierende katholische Abteilung St.Georg geschaffen.
Die echte Annäherung der Konfessionen begann mit dem 2. Vatikanischen Konzil 1962 – 1965, bei dem auch Reformierte mit Beobachterstatus teilnehmen durften. Die Ökumene, die Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen, wurde ein erklärtes Ziel und trug mit der Zeit Früchte. Mit dem Aufbrechen der Strukturen in den 68-Jahren verschwanden die Gegensätze immer mehr. Mischehen zwischen Katholiken und Reformierten nahmen zu und trugen ebenfalls zum grösseren gegenseitigen Verständnis bei.
Die Krankenpflege war konfessionell getrennt. Es gab sogar eine katholische und eine reformierte Hebamme. Die evangelische und katholische Familienhilfe arbeitete in den 1990er Jahren zusammen und fusionierte 1997 zu einem Dienst, bis die Aufgabe 2007 der Gemeinde übergeben wurde. Auch andere Aufgaben wurden gemeinsam wahrgenommen. Beide Kirchen waren auch viele Jahre in den Vorständen der Stadtbibliothek und der Tagesstruktur, dem späteren Kinderhort an der Kirchstrasse, und unterstützten diese Institutionen mit jährlichen Beiträgen. Das gilt auch für die Solidarität Gossau und den Friedegg-Treff, die sie gemeinsam ins Leben gerufen haben.
Die reformierte Kirchgemeinde stellt heute ihre Kirchgemeindehäuser auf dem Haldenbühl und im Witenwis mit Selbstverständlichkeit auch den Katholiken zur Verfügung. Die Katholiken handeln ebenso. Gemeinsame ökumenische Anlässe, Gottesdienste und Feierlichkeiten sind selberverständlich geworden. So entwickelte sich das Verhältnis zwischen den Katholiken und Reformierten von der Ablehnung und Bekämpfung allmählich zu Toleranz, gegenseitiger Schätzung und Zusammenarbeit. Heute haben die beiden Konfessionen andere Probleme. Sie leiden unter den Austritten, die sich in den letzten Jahren vervielfacht haben.
Von Norbert Hälg
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