KLAIR ist ein mechanisches Aromaöl-Inhalationsgerät. Bild: pd
13.05.2026 06:01
"Das Pflaster macht süchtig, nicht frei"
Nikotinpflaster, Kaugummis, Sprays: die gängigsten Rauchstopp-Helfer verlagern die Sucht, statt sie zu brechen. KLAIR-Gründer Kevin Müller erklärt, warum die Branche jahrzehntelang am eigentlichen Problem vorbeitherapiert hat. Ein Gespräch über Gewohnheiten, Rückfälle und einen neuen Ansatz aus der Schweiz.
Wer schon einmal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, kennt das Muster: Pflaster drauf, Kaugummi rein, drei Wochen durchgehalten und dann doch wieder der Griff zur Schachtel. Die Rückfallquoten beim Rauchstopp sind ernüchternd. Über 80 Prozent aller Ausstiegsversuche scheitern innerhalb des ersten Jahres. Kevin Müller, Gründer und Geschäftsführer des Schweizer Start-ups KLAIR. Wer schon einmal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, kennt das Muster: Pflaster drauf, Kaugummi rein, drei Wochen durchgehalten und dann doch wieder der Griff zur Schachtel. Die Rückfallquoten beim Rauchstopp sind ernüchternd. Über 80 Prozent aller Ausstiegsversuche scheitern innerhalb des ersten Jahres. Kevin Müller, Gründer und Geschäftsführer des Schweizer Start-ups schon einmal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, kennt das Muster: Pflaster drauf, Kaugummi rein, drei Wochen durchgehalten und dann doch wieder der Griff zur Schachtel. Die Rückfallquoten beim Rauchstopp sind ernüchternd. Über 80 Prozent aller Ausstiegsversuche scheitern innerhalb des ersten Jahres. Kevin Müller, Gründer und Geschäftsführer des Schweizer Start-ups , sagt: Das liegt nicht an mangelnder Willenskraft. Es liegt daran, dass die gängigen Produkte am eigentlichen Problem vorbeitherapieren, seit Jahrzehnten.
Kevin ist kein Mediziner und macht auch keinen Hehl daraus. Er ist Unternehmer mit einem Hintergrund in Strategie, Marketing und Vertrieb. Aber genau deshalb betrachtet er das Rauchproblem mit anderen Augen und hat gemeinsam mit Designspezialist Claude Oertli ein Produkt entwickelt, das eine Frage stellt, die die Branche konsequent ignoriert: Warum greifen Menschen überhaupt zur Zigarette?
Der Moment, nicht das Molekül
Die Antwort darauf, sagt Müller, liegt nicht in der Chemie. „Wer nach dem Essen zur Zigarette greift, greift nicht nach Nikotin. Er greift nach einem Moment.“ Das klingt zunächst nach einer Vereinfachung, ist aber durch eine Reihe wissenschaftlicher Befunde gedeckt. Shiffman und Kollegen zeigten bereits 2008 im Journal of Consulting and Clinical Psychology, dass der häufigste Rückfallauslöser nicht der körperliche Entzug ist, sondern kontextspezifische Gewohnheiten: die Zigarette beim Autofahren, die kurze Pause auf dem Balkon, das Ritual mit den Kollegen vor dem Bürogebäude. West und Shiffman ergänzten 2016, dass die motorische Handlung selbst, also das In-die-Hand-Nehmen und das Ziehen, ein zentrales Element der Suchtstruktur ist, das in den meisten Entwöhnungsprodukten schlicht nicht adressiert wird. Wer diese Rituale also nicht ersetzt, sondern nur den Wirkstoff entzieht, reisst eine Lücke in den Alltag, die früher oder später wieder gefüllt wird. Meistens mit einer Zigarette. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen beschrieb diesen Mechanismus schon 2020 treffend: Der Rauchakt erfüllt eine psychologische Strukturierungsfunktion im Alltag. Beim Aufhören fehlt genau diese Struktur und das Ergebnis sind Unruhe, Ersatzhandlungen oder eben der Rückfall.
Was Pflaster nicht ersetzen können
Genau hier liegt für Müller der blinde Fleck klassischer Rauchstopp-Produkte. Ein Nikotinpflaster liefert den Wirkstoff, ersetzt aber nicht die Bewegung. Es gibt keine Hand-zu-Mund-Geste, kein bewusstes Einatmen, keine Pause, die sich wie eine Pause anfühlt. Das Pflaster bekämpft die Substanzabhängigkeit und lässt das Verhalten völlig unbeachtet. "Nikotinpflaster sind eine Suchtverlagerung, kein Stopp", formuliert Kevin es pointiert. Und auch E-Zigaretten lösen das Problem nicht wirklich: Sie liefern weiterhin Nikotin, schaffen neue technische Abhängigkeiten und sind gesundheitlich nach wie vor umstritten. Auf dem Markt für Rauchalternativen gibt es heute eine bemerkenswerte Bandbreite an Produkten: Pflaster, Sprays, Inhalatoren, Tabakerhitzer, Vapes. Doch fast alle stellen dieselbe Frage: Wie ersetzt man Nikotin? KLAIR stellt eine andere: Warum rauchen Menschen überhaupt?
Die Idee aus der Garage
Dass die Antwort auf diese Frage in einer Garage in der Ostschweiz gefunden wurde, passt zur Geschichte des Unternehmens. Kevin und Claude lernten sich am Arbeitsplatz kennen, stellten schnell fest, dass sie dieselbe unternehmerische Denkweise teilen, und stiessen schliesslich durch einen Zufallsfund in sozialen Medien auf das Konzept des Aromaöl-Inhalators. Die anschliessende Recherche zeigte: Anbieter in Europa gab es kaum. Die Entscheidung, selbst eine Lösung zu entwickeln, fiel rasch.
Was folgte, waren Monate des Testens. Erste Skizzen, Designentwürfe, Prototypen, zahlreiche Aromamischungen und ein Grossteil davon unbrauchbar. Durch konsequentes Optimieren entstand schliesslich ein Produkt, das den eigenen Qualitätsansprüchen gerecht wurde. Rund sechs Monate nach der ersten Idee ging KLAIR im September 2025 online. Das Unternehmen firmiert als Commera GmbH mit Sitz in Uzwil, Kanton St. Gallen.
Wie KLAIR funktioniert und warum das so simpel ist
KLAIR ist im Kern ein mechanisches Aromaöl-Inhalationsgerät: kein Akku, keine Elektronik, kein Tabak, kein Nikotin. Beim Einatmen zieht die Umgebungsluft durch eine austauschbare Kapsel, die einen Baumwollträger mit einer Mischung aus ätherischen Ölen enthält. Im Mundraum entsteht dabei ein mildes Aroma, ohne Rauch, ohne Dampf, ohne Aerosol. Die Hand-zu-Mund-Bewegung bleibt erhalten, das Einatmen bleibt erhalten, die Pause bleibt eine Pause. Was wegfällt, ist der Schaden. Das klingt simpel und das ist es auch, bewusst so. Die Einfachheit des Produkts ist keine Einschränkung, sondern eine Designentscheidung. Wer mit dem Rauchen aufhören will, hat es bereits schwer genug. Das Letzte, was er braucht, ist ein technisch aufwendiges Gerät mit Ladefunktion, Einstellmenüs und Wartungsaufwand. KLAIR funktioniert, weil man nichts lernen muss. Man greift es in die Hand, zieht daran, und der vertraute Moment ist da, ohne die schädlichen Bestandteile.
Regulatorisch bewegt sich KLAIR in einem klar definierten Rahmen: Das Produkt fällt nicht unter das Schweizer Tabakproduktegesetz, da es weder Tabak noch Nikotin enthält und weder Verbrennung noch Verdampfung nutzt. Die Einordnung erfolgt unter das Lebensmittelrecht als aromatisiertes Produkt zur Anwendung im Mundraum. Das verwendete Propylenglykol, einer der Hauptbestandteile der Aromakapseln, ist als Lebensmittelzusatzstoff von der US-amerikanischen FDA als unbedenklich eingestuft.
Eine Kategorie, die es so vorher nicht gab
KLAIR versteht sich ausdrücklich weder als klassisches Entwöhnungsprodukt noch als Vape-Alternative. Das Unternehmen definiert eine eigene Kategorie: ritualbasierter Rauchersatz. Der Unterschied ist relevant. Entwöhnungsprodukte kommunizieren in der Regel mit dem Versprechen des Verzichts und setzen damit auf eine Motivation, die sich erfahrungsgemäss schwer aufrechterhalten lässt. KLAIR setzt nicht auf Verzicht, sondern auf Ersatz. Nicht „Du darfst nicht mehr“, sondern „Du brauchst das hier nicht mehr“.
Müller vermeidet bewusst die Sprache klassischer Anti-Raucher-Kampagnen. Die Marke nimmt keine moralische Haltung ein, zeigt keinen erhobenen Zeigefinger und richtet sich nicht an Menschen, die schon überzeugt sind. Sie richtet sich an Pragmatikerinnen und Pragmatiker, die mehrfach versucht haben aufzuhören, die wissen, was auf dem Markt verfügbar ist, und die eine alltagstaugliche Lösung suchen, keine Ideologie.
Frühe Zahlen, die überraschen
Die Marktreaktion überraschte selbst die Gründer. Das ursprünglich gesetzte Ziel eines sechsstelligen Quartalsumsatzes wurde während der dreimonatigen Testphase übertroffen. Sechs Monate nach der Gründung zählte KLAIR bereits über 3'500 aktive Kundinnen und Kunden, die das Produkt während ihres Rauchstopps nutzen. Zum Marktstart standen zwei Modelle und fünf Geschmacksrichtungen zur Verfügung. Heute umfasst das Sortiment zehn Designs und siebzehn Aromen, eine Entwicklung, die sich an realer Nachfrage orientiert, nicht an Marketingplänen. Der Vertrieb läuft bislang ausschliesslich über den eigenen Onlineshop; mittelfristig ist auch eine Präsenz im stationären Handel geplant, etwa an Tankstellen, Kiosken oder Supermarktkassen.
Ob KLAIR den Rauchstopp für alle löst, lässt sich noch nicht sagen, das Unternehmen ist jung, die Datenlage früh. Was das Produkt aber tut: Es stellt die richtigen Fragen. Und es adressiert einen Aspekt des Rauchverhaltens, den die Branche viel zu lange übersehen hat. Wer den Griff zur Zigarette wirklich verstehen will, muss verstehen, warum Menschen zu Ritualen greifen und nicht nur, welchen Stoff diese Rituale liefern. Vielleicht ist das der Unterschied, der zählt.
pd